Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erinnerungen an Carl Rahl
Person:
George-Mayer, August
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3546300
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3547761
10.3 
Scherz, bis zu den höchsten und ernsthaftesten Problemen, in 
z1vangloser Weise. 
So mochte ich mir Sokrates und seine Schüler denkenl Es 
gab nicht den geringsten Zwang, jeder konnte um Iegliches fragen 
und erhielt eine mehr oder minder ausführliche Antwort, welche 
rückhaltlos gegeben wurde und deshalb manche 2Nif5deutung 
erlebte, wie sicp später zeigen wird. 
In solch einer Feierstunde sprachen wir von dem Verfall 
der grossen historischen Kunst und der planIosen Zerfahrenheit der 
modernen 21kalerei gegenüber dem geschaffenen Eindruck der 
früheren Kunstperioden. Da begann nun Rahl uns die ver: 
anlassenden Ursachen zu zeigen und zu erläutern: ,,Wie auf 
Rasael und UTichel Un gelo nothwendig der Niedergang folgen 
mußte; weil sie das Problem gelöst und somit in der Hauptsache 
das Thema der religiösen Idee nach der höchsten Zartheit und 
2lnmuth sowie der grössten energischesten Erhabenheit erschöpft, 
so mußten die Epigonen in Geziertheit und Uebertreibung ver: 
fallen. Die Niederländer, welche fast gar nicht in diesen Kreis 
gezogen wurden, oder in ihrer Weise zu wirken suchten, fanden 
im gesunden Realismus und in mannigfaltigen Existenzbildern 
aus dem reichbewegten und interessanten 2llltagsleben ihren Halt 
und lösten ihre Aufgabe, welche allerdings nicht der Erhabenheit 
und Idealität des christlichen Glaubens gleichkommt, aber ebenfalls 
einem Bedürfnis; entsprach und ein zeitbewegendes Endziel abgab. 
Dann kam die prunkvolle Zopfzeit, dieses Echo der 
Renaissance, das Ueberschäumen des aller Schranken spottenden 
Barokstyls, das maßlose Waltenlassen phantastischer Einfälle, das 
Verblüffende, den Umsturz der Folgerichtigkeit durch den ungerecht: 
fertigtsten Effect vollbringend. Uns den Rausch folgte der Katzen: 
jammer, die Nüchternheit aus die Orgie, die Blasirtheit, und nun 
tappt man nach neuen Motive11, sucht an alte willkürliche an: 
zuknüpfen, und Einer meidet die Pfade des Anderen, hoffend, 
früher und allein an ein Ziel zu gelangen, welches er sich 
weniger gestellt als von der Gunst der Umstände zu erhalten 
wünscht. Deshalb diese Zersplitterung und Zerfahrenheit, des: 
halb diese 217onotonie; es fehlt an Stoff, an einer Aufgabe 
unserer Zeit.
        

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