Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3475197
Japanischer Realismus. 
Volkskunst. 
Tolstoi. 
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die Natur, als gegen die stilistische Behandlung dieser eine Sünde 
begehen zu dürfen. 
War durch Wallots Schule schon die Gleichgültigkeit gegen 
den Stil gewachsen, so kam jetzt die Abneigung. Man mied die 
Pflanzen, die bisher die Anregung geboten hatten, namentlich den 
Akanthus, der nun seit drei Jahrtausenden dem Ornament die eigent: 
liche Haltung gab. Man führte dafür heimische Pflanzen ein, schuf 
neue Reihungen. Aber all dies würde nicht eine so starke Wandlung 
herbeigeführt haben, wenn es nicht die Farbe gewesen wäre, die vor 
allem von der alten Form abzog. 
Bewußt wollte man damit eine Volkskunst herbeiführen. Der 
Hamburger Architekt Schwindrazheim dürfte der erste gewesen 
sein, der das in voller Klarheit aussprach. Jth glaube nicht, 
daß wir in diesem Bestreben viel weiter gekommen sind. Sehr 
viele Entwürfe und Schöpfungen der neuen Kunst zeugen von 
großer Begabung und wirken, wenn sie vielleicht auch den Alt: 
stilisten sehr häßlich erscheinen, doch auf die Modernen als schön. 
Und da die Jungen jung und die Alten alt sind, hat die Neue 
Kunst zweifellos die Zukunft für sich. Daß eine solche möglich sei, 
daß ein U1nbilden der Formen erreichbar ist und daß sich aus diesem 
eine seelische Befriedigung schöpfen lasse, dafür ist meines Ermessens 
schon heute der Beweis geliefert. Ob aber damit der Welt geholfen 
istP Die Neuesten führen auch heute noch das französische Wort im 
Munde: Furt pour Paris. Es ist dies schwerlich mehr, als ein Not: 
schrei. Ihm entgegen steht der heftige Vorwurf, daß die Kunst sich 
dem Volk entfremde, daß sie von ihm nicht verstanden werde. Die 
Gänge und Gedanken der Neuen Kunst scheinen auch mir viel zu fein, 
als daß sie dieses Zusammenfassen aller zu einem Volksgeschmack 
herbeiführen könnten, nach dem wir so sehnsüchtig rufen hören. 
Da ist des Grafen Tolstoi merkwürdiges Buch. Er verzweifelt 
am Wert der ganzen Kunst, weil sie nur für die Reichen, Müßigen 
da sei; er schlägt endlich vor, die Künstler sollten das werden, was 
wir Dilettanten nennen, der Künstlerstand solle beseitigt werden, 
damit die Künstelei schwinde. Die furchtbare Gewalt seiner Logik 
ruft ein Wehe in unser ganzes Getriebe. Es erscheint ihm kaum 
so närrisch als verbsrecherisch, weil es nicht jener Armen gedenkt,
        

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