Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3474561
610 
VIII. 
Eigenem. 
Die Kunst aus 
weitern, das Recht des Cynismus im Sinne Vischers sich zu wahren. 
Jn dem Sinn, der das Laster nicht durch Verstecken, sondern durch 
Bloßlegen, nicht durch Umschreiben, sondern durch die Derbheit des 
geraden Wortes bekämpfen will. Wer in deutschen Kiinstlerwerk: 
stätteu Bescheid weiß, der wundert sich nicht darüber, daß er viel 
öfter dort den Sicnplieissi1nus Grimmelshausens als ein lüsternes 
Buch findet. Die Ehrlichkeit des 17. Jahrhunderts erscheint den 
Künstlern künstlerischer, feiner als alle Elegauce. 
Daneben tritt bei K1inger alsbald ein anderer Zug auf. Jener 
nach allgemeinem Ausdruck gegenüber dem Darstellen von Vorgängen. 
Blätter dieser Art begleiten die Erzählung, versinnbildlichen ihren 
geistigen Inhalt. Er schreitet fort zum Darftellen nicht eines Er: 
schauten, sondern eines Erdachten. Der Realismus wurde ihm zur 
Vorstufe selbständigen Formgefühls, aus der Fülle durch treue 
Wahrheitsliebe erlernter Formen wächst ihm die Herrschaft über 
diese Form heraus. Aus einem Nachbildner der Menschen konnte 
er ein Schöpfer einer ihm eigenen Menschenwelt werden, aus einem 
Berichterstatter ein Dichter. 
Mit den achtziger Jahren begann Böcklin stärker auf ihn zu 
wirken. Es ist die Zeit, in der mein Bruder begann, diesen 
Meister den Berlinern vor Augen zu stellen. Für meinen Bruder 
radierte Klinger Die Burg am Meer, Die Toteninsel, Den Frühlings: 
tag nach Böcklin. Er zahlte, soviel ich weiß, mit einem Bilde des ver: 
ehrten Meisters, jenem Frauenkopf, der noch heute in Klingers Werk: 
stätte hängt. Jch erinnere mich noch des Tages, an dem ich meinen 
Bruder damit beschäftigt fand, aus den Führern einer seiner 
Ansstellungen, die Böcklins Sommertag zuerst den Beschauern 
vorführte, sorgfältig die als Kunstbeilage darin befestigten Klingerschen 
Radierungen herauszulösen. Hunderte von abgetrennten Blättern 
lagen schon da. Die Gebildeten Berlins, die den Sommertag 
im besten Falle für apart, meist aber für verrückt erklärten, 
hatten, ohne zu merken, welcher Art das ihnen Gebotene sei, den 
Katalog zusammengefaltet in die Tasche geschoben. Kupferdruck: 
papier verträgt aber bekanntlich das Brechen nicht. Und so rettete 
meins Bruder die Blätter vor einer Mißhandlung, die einen Kunst: 
liebenden herber trifft als der Verlust.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.