Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3473946
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VII. 
Das 
Wahrheit. 
Streben nach 
deuten des evangelisch:lntherischen Landeskonsistoriums Sachsens 
hat schwerlich je in seinen kirchlichen und politischen Ansichten ge: 
schwankt. Kirchbach nennt seine Gestalten Fabrikarbeiter, grenzenlos 
Arme, Sachsengänger und Landarme. Uhde habe des Spruches 
sich erinnert: Jch kam nicht einzuladen die Gerechten, sondern 
die Sünder zur Sinnesänderung, als er sein malerisches Armen: 
evangeliu1n gab. Kirchbach stellt es in Verbindung mit der Partei 
Stöckers, welche die Ar1nenfrage und die sociale Frage mit Hilfe 
des Christentums lösen will, als einer soeialen Botschaft. Er 
traf Uhdes Absicht wohl besser als jene. Sie ist social, weil sie 
modern ist. Seine Bilder sind nicht zur Anbetung geschaffen, sie 
verwahren sich auch dagegen, lediglich ästhetische Reize zu bieten. 
Die Religion mußte erfahren, sagt Vischer, daß sie an der Kunst 
eine Verräterin in ihrem Hause ausgezogen hatte. Die Götterbilder 
wurden schöner und schöner; und man mußte sich überzeugen, daß 
sie in ihrer vollendeten Schönheit nicht die Erbauung sörderten. 
Das heißt: wenn einer sich von einem Gottesdienst erbaut glaubt, 
der sich den reichsten Schmuck der Künste anlegt, so möge er sicher 
sein, es ist zum größten Teil Kunstfreude, die er empfindet. Diese 
aber stimmt nicht religiös. Dem strengen Ernst der Religion 
gegenüber ist die Schönheit zerstreuend. Schönheit sehen ist etwas 
ganz anderes als im tiefen, dunklen Versöhnungsdrang eine Bild: 
gestalt verwechseln mit einer Person, die es giebt, die da ist, an 
die man hinbeten kann. Die Sixtina hat nach Vischer nur ge: 
wonnen, daß sie aus der Kirche in ein Museum kam. Dort wurde 
sie, sagt er, als GöHenbild angebetet, hier betrachtet sie der ärgste 
Ket5er mit höchster Erhebung der Seele. Nicht das anzubetende, sondern 
das innerlich erhebende Bild sucht Uhde. Er bekämpft jenen Verrat, 
indem er an Stelle der Schönheit die Wahrheit zu setzen trachtet, 
den in Formen eingesenkten, eingezauberten Lebensgehalt. Er will 
weder die zerstreuende noch die zum Gebet.reizende Schönheit, nicht 
das griechische Jdeal und nicht den Götzen. Er will, daß Christus 
seine Wirksamkeit dem Beschauer vorlebe, damit er sie durch 
die Kunst innerlich begreife, von ihr ergriffen werde. Und dazu 
braucht er die Anknüpfung an das Leben, an das, was uns selbst 
bewegt, an unsere eigene Zeit.
        

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