Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3473727
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VII. 
Wahrheit. 
Streben nach 
Das 
Beweis eines geschärsten Wirklichkeitssinnes nehmen wird. Gerade, 
daß diese Bilder so ganz gewisse Regungen in uns treffen, erscheint 
mir bedenklich. Nicht das Gezeter der Alten, sondern die eisrige 
Bewunderung der Jüngeren, meine eigene mit eingerechnet, macht 
mich stutzig. Das ist zu fein aus unsere nervöse Tagesempfindung 
eingestimmt, um in dem Sinne wahr zu sein, in dem es Fiedler 
anklagt. Mir will scheinen, als werde eine spätere Zeit Lieber: 
1nanns Bilder nicht mehr für eine Maske der Wirklichkeit nehmen, 
wie etwa jene eines alten Holländers. Gehört doch ebenso künst: 
lerischer Sinn dazu, sich in Liebermanns Bilder hineinznsehen, als 
etwa in die eines zeichnerischen Jdealisten. Die Roßtiiuscher wollten 
von Kanlbachs idealen Pferden nichts wissen; so gern Liebermann 
den Schweine1narkt malt, die, Schweinehändler werden ihm seine 
Bilder nicht abkaufen. Jener wollte im Pferd das menschlich: 
moralische Wesen, dieser im Schwein ein Stück des die Welt ver: 
kliirenden Lichtes malen. Beides geht über den Naturalismus 
hinaus, wie ihn Fiedler versteht. Den giebt die naturwissenschast: 
liche Bildertasel. Die Wissenschaft kann beide Darstellungen für 
ihre Zwecke nicht brauchen. Denn sie will weder die künstlerische 
Farbe noch die künstlerische Form, weder das helle Licht, noch die 
schöne Zeichnung. Sie will das Pferd, das Schwein in reinem 
Wirklichkeitsbilde. So weit sie Liebermann nicht brauchen kann, so 
weit steht sein Werk über diesem; so sicher ist sein Werk nicht unter 
der Fessel der Wissenschaft entstanden, sondern echte freie Kunst. 
Es ist lehrreich unter gleichen Gesichtspunkten Uhde zu be: 
trachten, den zweiten großen deutschen Hell1naler. Er hat sehr 
früh einen anderen Weg eingeschlagen, indem er dem Gegenstand 
nicht gleichgiltig gegenüberstand, sondern die neue malerische Auf: 
fassung an den ernstesten Aufgaben zu bethätigen strebte. Rasch 
nacheinander erschienen seine Darstellungen aus Christi Leben. 
Sie erweckten womöglich noch mehr Widerspruch als Liebermanns 
Arbeiten. Hier nur das Häßliche, bei Uhde aber dieses in unmittel: 
barer Annäherung an das Heilige, dieses entweihend. Pecht sagt, 
Uhde habe sich zum Anwalt der Enterbten gemacht, des Proletarier: 
tum verherrlicht, Christus als Proletarier heilend, müde und ab: 
geschabt dargestellt. Bei aller Hochachtung vor Uhdes Begabung
        

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