Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3473704
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VII. 
Wahrheit. 
nt1kh 
Streben 
Das 
1892. Sein Bild erschien wie heimlich belichtet, wie außer dem Aus: 
stellungsraum stehend, obgleich es eine Frau in graugrünen Kleidern 
vor graugrüner Düne und eine graue Ziege in grauem Licht 
darstellte.  
Jst es nun das Vergnügen allein, eine bekannte Thatsache dar: 
gestellt zu sehen, die mich in helle Freude, andere in hellen Ärger beim 
Ansehen eines solchen Bildes versetzteP Die malerische Thatsache 
war eben nicht bekannt, ehe sie die Maler darstellte. Sie wurde durch 
ihn erst Thatsache, Wirklichkeit. Es hat auch kein früherer Maler 
dergleichen als Thatsache gesehen. Und es wird keiner sie wieder 
sehen. Es handelt sich also nicht einfach um eine Verfälfchung der 
Wirklichkeit, sondern um ihr Beherrschen durch die Menge malerisch 
erkannten Thatsachen. Es handelt sich nicht um ein Abmalen des 
Lichtes, sondern um eine Denkarbeit, die darin besteht, eine in der 
Natur vorhandene Thatsache so wiederzugeben, daß sie mit den 
Mitteln der Farbe eine ähnliche Wirkung erreicht wie die Natur. 
Liebermann will nicht eine Frau und eine Ziege, er will ein Bild 
malen, in dem unter anderem auch eine Frau nnd eine Ziege in 
bestimmten nur durch ernste Geistesarbeit erkennbaren Lichtverhält: 
nissen erscheinen. Er wählt ja schon deshalb den gleichgiltigsten 
Gegenstand, weil er sagen will: der Gegenstand ist nur das Mittel, 
an dem ich meine Empfindung der Tonwirkung darstellen will. 
Unter den vielen sehr verschiedenen Erscheinungsforn1en des Gegen: 
standes ist eine ausgesucht, und zwar nach planmäßiger Auswahl; 
dargestellt aus einer Fülle im Geist geordneter und durch den 
denkenden Willen beherrschter Gedächtnisbilder. Es spukt da immer 
noch die jMeinung, daß, wenn der Maler einen Mops realistisch 
darstelle, dadurch zwei Möpse entständen. Nein, es giebt einen 
Mops und ein Bild. Das sind zweP grundverschiedene DingeI 
Man kann daher mit gutem Recht Liebermann, so sehr er 
dagegen strampeln mag, einen Jdealisten nennen, wenn man 
darunter einen Künstler versteht, der zur Erzielung eines höheren 
Eindruckes auf Nebensächliches verzichtet, also nicht die Wirklichkeit 
in allen ihren Teilen, sondern auf Grund einer sondernden künst: 
lerischen Thätigkeit in ihren wesentlichen Eigentümlichkeiten darstellt. 
Sein Schaffen deckt sich mit der Ästhetik eines Schasler, obgleich
        

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