Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3472892
Ferstel. 
Bohnstedt. 
461 
Aber die kunstgeschichtliche Aufgabe der Architektur war noch nicht 
vollendet. Semper brachte die Hochrenaissance nach Wien, die dann 
Karl von Hasenauer durchführte; das Barock fand willige Auf: 
nahme, die Deutsch:Renaifsance nicht minder. Alle Stile aber erhielten 
einen gemeinsamen neuwienerischen Oberstil, und dieser ist entscheidend. 
Kein Mensch ist Vor Hansens Hellenistik, Schmidts Gotik und Ferstels 
Renaissance, vor diesen Wiedererweckungen von zwei Jahrtausenden 
Baugeschichte einen Augenblick in Zweifel, daß das Alttümliche 
im Grunde nur ein äußerlicher Schmuck, und daß das Wienerische 
der starke, entscheidende Teil in diesen Bauten ist. In Wien ist 
das Parlamentshaus griechisch, in Pest gotisch. In Wien sollte es 
allgemein ideal, in Pest englisch, das heißt konstitutionell ideal werden. 
Jn beiden Fällen ist es modern und deutsch. Der Erbauer des 
Pester Parlamentes, Steindl, ist ein Schüler Schmidts und hat 
trog, seiner Anlehnungen an Barry, Scott, Waterhouse und 
andere Engländer nicht n1it einem Zuge seine Herkunft verleugnet. 
Pest erweist sich in jedem Zuge kü11stlerisch als deutsche Stadt, trotz, 
allein madyarischen Sporenrasseln und Schnauzbartstreichen. Denn 
die Artung des Bauens, die Sprache der Profile, die Auffassung 
der älteren Kunstweise, der zu erreichenden Ziele, nicht die Auf: 
fchriften machen das Wesen der Architektur aus. Und wie die 
Berliner Malerei der sechziger Jahre um gleicher Gründe willen 
fkanzösisch ist, so ist und wird wohl noch lange das, was Tfchechen, 
Madyaren, Kroaten und andere Völker des Südostens bauen, deutsch, 
wienerisch sein, ebenso wie das, was sie malen, nichts anderes ist 
als Münchener Kunst von gestern. 
Die breitete Auffassung des Lebens gab der Baukunst überall 
Anregungen. Ein Künstler legt dafür Zeugnis ab, der in Berlin 
gebildete, aber in Petersburg durch eine ins große gehende Bau: 
thätigkeit der Enge deutscher Verhältnisse entrissene Ludwig Bohn: 
stedt. Er wurde durch den ersten Wettbewerb für das Berliner 
Reichstagsgebäude durch ganz Deutschland berühmt. Schon vorher 
hatte er sich unter den Fachleuten einen Namen dadurch gemacht, 
daß er in der Art des zeichnerischen Darstellens seiner Entwürfe 
die übliche Ängstlichkeit durchbrechend, gerade durch diese die Laien 
für seine Kunst zu erwärmen wußte. Er beteiligte sich an allen
        

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