Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3471120
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Die 
historische 
S chule. 
hineingelebt hatten. Overbeck, indem er sich selbst in einen Winkel 
stellte und alle Lädeu um sich schloß, damit man ihn in jener 
Welt der Seligkeiten nicht störe; Cornelius, indem er mit wagender 
Seele über die Kunst hinaus ins Überirdische griff. Neben 
ihm war noch der Wiener Carl Rahl und war Genelli einen 
ähnlichen Weg gewandelt. Genel1i als ein nie ganz Anerkannter, 
ein Gewaltmensch in seiner äußeren Lebensführung und in seiner 
Kunst, dessen starke nnd schöne Sinnlichkeit am besten in rein 
sinnlichen Gegenständen zum Ausdruck kommt, zu denen ihm nicht 
die künstlerische Auffassung, wohl aber die Flüssigkeit der freien 
Darstellung fehlte. Er hatte eine gute Art, das Gewagteste zu sagen. 
Denn mir will scheinen, als sei die Sinnlichkeit genau so sehr ein 
Anreiz zur Kunst, wie irgend eine andere Eigenschaft des Menschen: 
und das einzige Mittel, ihr gerecht zu werden, sei die unverschleierte 
Darstellung. Da setzt Geuelli ein. Seine Reihen von Zeichnungen, 
wie das Leben einer Hexe, eines Wüstlings, sind Offenbar11ngen 
dieser seiner stärksten Kraft. In einer Zeit, in der der Kunst die 
handwerklichen Mittel geläufiger waren, hätte er sich wohl auf mäch: 
tigen Flächen ergangen, denn es lag in ihm ein Zug zum Gewalt: 
samen. Er fesselt seine Gestalten scheinbar, um sie ihre Fesseln 
zerreißen zu lassen. Sie arbeiten mit allen Muskeln, sie strot;en 
von Fleisch und Fülle, sie überbieten sich in Beweglichkeit. Die 
Fesfel aber, die ihn selbst bindet, das ist der schöne Umriß, die 
zeichnerische Linie, das Streben nach Klarheit des Aufbaues. Je 
weniger er es vermag aus diesem heraus zum Sehen der Dinge in 
der Welt, zu der räumlichen Entwickelung der Form zu kommen, 
desto stür1nischer bewegt sich der Umriß auf der engen Fläche. Man 
sieht mit Staunen einen polternden Kampf in den in so unschein: 
baren Linien gezeichneten Gestalten. Daß ein Mann von GenelIis 
schon rein körperlichen Kraft, den die Kenntnis der Pinfelfiihrung 
und die Gewöhnung an große Aufgaben riesige Wände beherrschen 
gelehrt hätte, nie zur Entfaltung kam, das lag weniger in der 
Ungunst der Verhältnisse, als an seinem Ungeschick, sich in diese 
zu finden: Ein allzu Gesunder in einer Welt der Vatermörder 
und Stege an den Beinkleidern. 
Ähnlich war Rahl. Ich erinnere mich dunkel des großen,
        

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