Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3469982
v198 
Romantiker. 
Die 
jedem Gliede ausdrucksvoll gebildet war. Wer redlich nach der 
Natur zeichnete, mußte zu ähnlichen, härteren, entschiedeneren Linien 
kommen, diese also eigentlich als Wahrheit empfinden; die Lüge aber 
beruhe in der Weichheit und der Verallgemeinerung der späteren 
Kunst. Langsam, erst schüchtern, dann immer lauter erfolgte die 
Absage an Correggio und seine nun als falsch erkannte Anmut, 
an Tizian und seine als der Natur widersprechend erklärte Ton: 
fülle, endlich an Rafael selbst, den Fürsten der Maler. Die Zeit 
der Prärafaeliten begann. 
Auch die Weimarischen Kunstsreunde mußten anerkennen, daß 
es den meisten zeitgenössischen Kunsterzeugnissen am Natürlichen, 
Jnnigen, Gemütlichen und zart Empfundeneren mangle. Sie ver: 
standen, weshalb die Neigung zur naiven Einfalt der florentinischen 
Meister erwachte, ja fortdauerte. Aber einen Nutzen für die Kunst 
sahen sie nicht darin, weil diese rohe Unschuld mit den sonst vom 
Künstler geforderten schönen Formen, mit edlen Charakteren und 
dem gebildeten Geschmack unvereinbar sei. Sie sahen wohl den 
Geschmackswandel selbst in der Beurteilung des Alten. Der Antinous, 
Apoll vom Belvedere, die Ringer traten in der Schätzung hinter 
den Kolosseu vom Monte Cavallo, hinter der Juno Ludovisi, 
Rafael hinter Lionardo und Michelangelo zurück; ja dessen Jugends 
werke wurden über die reifen gestellt wegen ihrer zarten, innigen 
Empfindung, der anspruchslosen, unübertresflichen Wahrheit der 
Darstellung. 
Und doch konnte man sich in Weimar nicht wohl vorstellen, 
und überall, wo gelehrte Ästhetiker saßen, ebensowenig, daß die Welt 
einen Schritt nach rückwärts thun werde, daß sie nach Dingen greife, 
die der gebildetere Geschmack, wenn nicht verabscheue, doch be: 
lächele. Hatte sich bei Goethe selbst die Begeisterung für das 
Charakteristische abgeklärt, so mußte der Alternde von der Nation 
gleiche Weisheit erhoffen. Wer alle die Eroberungen gering 
schätzt, sagt er, welche mächtiger Geister unsägliches Forschen und 
denkender Fleiß für das Gebiet der Kunst gemacht, wer bloß aus 
einem verworren gefühlten Bedürfnis von Einfalt und Naivetät 
in den mehr oder minder rohen Anfängen der Kunst die ganze 
Kunst schon vollendet erblicken will und durch Annäherung an die
        

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