Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3469960
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Romantiker. 
Die 
jeder Vorwurf einfach Barbarei wäre. Hier, wo nicht die Formen 
entscheiden, die jeder zu bilden lernen könne, sondern der Geist, 
der Inhalt spreche, hier sprudelt KoZebue in Begeisterung. Nicht 
um die Welt, ruft er a11s, möchte ich die Gabe besitzen, alle Fehler 
gleich auf den ersten Blick zu erkennenk Sie sei der Fluch der 
Künstler. Sie entstehe lediglich aus Eitelkeit. Wer, wo alle loben, 
alle hingerissen werden, noch viel zu tadeln findet, so höhnt er, 
der müsse wohl ein gewaltiger Kenner seinl 
Das Spaßige an der Sache ist nur, daß Kot;,ebue nicht merkt, 
wie er sich selbst das Urteil spricht. An dem, was ihm nicht ge: 
fällt  da ist natürlich das Finden der Fehler ein Zeichen von 
Selbständigkeit, das Loben erkiinstelte Begeisterung. Und es gefällt 
ihm in Italien herzlich wenig, er lobt sich am Schluß sein Rufs: 
land, wo nicht alte Kunst zu finden, aber ein Morgen junger Kunst 
anbreche, wo das sanfte Szepter des Enkels der großen Katharina 
das Leben wahrhaft zum Genuß mache. Denn, wie stets der 
Flache, ist auch er über die Dummheit und Unfähigkeit der anderen 
erstaunt. Was er nicht begreift, ist Unsinn. Der katholische Gottes: 
dienst ist ihm eine Narrheit, das ,,HeiligengesindelH ihm im Grund 
der Seele zuwider. Seine Zeit, sein Geschmack ist der Höhepunkt 
des bisher, Erreichten. Man glaubt einen modernen Zeitungs: 
menschen zu hören: Die und jene Sache mißfällt mir; also ist7s 
eine Thorheit, sie schön zu finden, ist7s unbegreiflich, verdient es 
eine entschiedene Rügel Denn was miszfällt, kann doch nicht schön 
seinl KoZebue findet an Michelangelos Moses nichts Großes als 
die Größe; man denke ihn verkleinert und er wird sehr unbedeutend 
sein; er ist schmal geschultert, dickbäuchig, durcj seinen abscheulichen 
Marmorbart vollends unausstehlich. Gebildete Männer trugen be: 
kanntlich damals keine Bärte. Cellinis Perseus findet er so steif, 
wie die Goethische Schule es von großen Kunstwerken fordere; 
Donatello ist unbedeutend; in Fra Angelieos Bildern sieht er nur 
krassen Aberglauben. 
Ich entlehnte Kotg,ebues Reisebeschreibung der Dresdner öffent: 
lichen Bibliothek. Sie war ganz zerlesen. Die Herzensergießungen. 
eines kunstliebenden Klosterbruders, die als Zeugen des neuen Geistes 
der Romantik so oft angeführt werden, sind dort noch nicht einmal
        

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