Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
Person:
Gurlitt, Cornelius Schlenther, Paul
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3467316
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3469469
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Die Landfrhaft. 
die Dnmpfheit und Empfindungswerte entgegenzustellen. So packen 
denn Tieck die an sich doch so leere Gestalten und Blumenranken 
Runges mit uns kaum mehr verständlicher Macht; er sah sie freilich 
nicht bloß im Umriß, sondern in Farben. Hier ist eine Sym: 
bolik, zu deren Erklärung das Nachschlagen im Winckelmann nichts 
hilft, sowenig wie jenes in den alten Heiligenlexiken; sie soll viel 
mehr als ein Empfundenes nachempfunden werden; nicht Klarheit wird 
erstrebt, sondern das Nachfchwingen der Seele über einem nicht 
völlig Ergründeten. Tieck empfand, daß hier sich eine künstlerische 
Richtung aufthue, die seine Bestrebungen mächtig fördern könne. 
Noch viel lebhafter sprach sich 1808 Görres aus, der damals 
mit seiner stürmischen Feder dem Deutschtum seine Huldigungen 
brachte, gründlich geheilt von seiner abstrakt:revolutionären Be: 
geisterung. Der moderne Beschauer, der Görres7 Aufsatz, angesichts 
von Runges Blättern liest, vermag dem Gedankengange des be: 
geisterten Romantikers kaum zu folgen. Denn es ist erstaun: 
lich, welche Fülle der Gesichte die Zeichnungen in Görres an: 
regten, wie er in ihnen die Kräfte der Natur spielen und die 
Wunder der Religion dargestellt sah. Freilich, sagt er, die Zeit 
habe sich nach und nach so verschmäht und verschroben, daß sie 
alle Unbefangenheit nnd den frischen Natursinn eingebüßt habe. 
Die kahle Liebelei mit Kunst und Schönheit habe ihr den Sinn 
für wahrhaft Lebendiges genommen. Sie habe kein Empfinden 
für das Musikalische in der Kunst, für den dunklen Ton. Er da: 
gegen sieht in diesen Blättern den Anfang, den Weg, auf dem 
allein der bildenden Kunst noch ein Fortschritt möglich sei; der 
ihr einen wahrhaft eigenen Bildungskreis öffne. 
So schallt es mehrfach in jener Zeit von den Besten wider. 
Soll man diese Urteile für Thorheit, für Heuchelei haltenP Wenn 
wir sehen, wie viele Federn sich für die Blätter in Bewegung setzten, 
und daß selbst die Gegner der Romantik, daß auch Goethe von ihnen 
immer wieder angezogen wurde, so zwingt dies den Kunfthistoriker, 
sie mit dem Auge nicht des eigenen Gefallens, sondern womöglich 
mit dem Blick jener Zeit zu betrachten. Denn gleichviel, ob sie 
heute behagen oder nicht, ob sie wirklich so leer, so wenig 
fein beobachtet, ja so herkömmlich sind, wie sie jetzt erscheinen,
        

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