Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriß der bildenden Künste
Person:
Riegel, E. Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3450548
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3454219
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verhältniß1näßig wenig zahlreichen Vervielfältigungen von solchen schwierigen 
Originalen, die ehede1n in Kupfer gestochen worden wären, nun aber 
photographirt werden. Denn ebenso der Umstand, daß der Stich eines 
solchen Werkes Tausende von Thalern kosten würde, während die negative 
Platte für eine hiergegen verschwindende Summe herzustellen ist, wie nicht 
minder der, daß nur eine kleinere Zahl von Abdrücken Liebhaber finden 
werden, lassen die photographische Vervielfältigung, die so schnell zu 
machen ist, und die das Original so überaus treu wiedergiebt, als besoni 
ders geeignet erscheinen. Manches Werk, welches ehedem nicht gestochen 
worden wäre, findet jetzt so auch seine Vervielfältigung, und wenn etwa 
zeitweise viele der nachbildendeu Künstler sich durch die Photographie 
bedroht sahen, so gleicht sich das Verhältnis; mehr und mehr aus, und 
schließlich gewinnt doch nur die Kunst, ja selbst die Gefahr für einzelne 
Künstler schwindet, sobald die Kräfte dem neuen Bedürfnis; entsprechend 
vertheilt sind. Von einer Beseitigung des Knpferstiches, geschweige gar 
des Holzschnittes oder des Steindruckes, durch die Photographie kann nur 
der Unverstand sprechen, denn keine der nachbildenden Künste ist für die 
Kunst entbehrlich oder durch Anderes, das ihr Wesen doch nie ganz trifft, 
zu ersetzen. Und grade der Kupferstich wird nie zu umgehen sein, wo es 
sich um Wiedergabe inhaltlich bedeutender Werke in würdigster Weise 
handelt, denn der Geist des nachbildeuden Künstlers lebt in einem solchen 
Stiche und verleiht ihm eine Weihe, welche die Photographie nie erreichen 
kann. Was zu Gunsten der Photographie in Bezug auf Vervielfältigung 
echter Kunstwerke spricht, ist dies, daß einzelne oder wenige Copien leicht, 
schnell und verhältnißmäßig sehr billig angefertigt werden können, so daß 
man die Photographie wählen wird, wo es sich nurcnm geringen Bedarf 
von Copien handelt. Jst dieser aber größer, so gleicht sich der Kosten: 
punkt aus, und jede daraus entspringende Rücksicht für die Photographie 
fällt weg, so daß nur die künstlerische Angemessenheit über die Methode 
der Vervielsältigung entscheidet.  
F;3tec:lRwec Ueberblicken wir den ganzen Schatz dessen, was die naehbildenden 
 Künste uns bieten, so erkennen wir als ihren ersten und vornehmsten 
Zweck die Einführung der Kunst in das Leben. Während in 
Museen und Palästen die kostbaren Werke nur zu immerhin beschränktem 
Genusse da sind, während nur der Bemitteltere seinen Wanderstab zu fernen 
Denkmälern und Kunstwerken richten kann, tragen die Drucke in der ver: 
schiedensten Weise die Anregung und die Liebe zur Kunst in alle Schichten 
des Volkes, und bringen als einfacher Holzschnitt oder als kleines photo: 
graphisches Blättchen dem Arbeiter eine ähnliche uneigennützige Freude, 
wie ein kostbares Gemälde dem Reichen gewährt. Die sociale Kraft der
        

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