Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriß der bildenden Künste
Person:
Riegel, E. Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3450548
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3453880
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Allem gerechnet ebenso undankbar wie thöricht, wollte man, namentlich in 
Deutschland, über Vernachlässigung der Kunst sprechen. Ob nicht noch 
mehr geschehen könnte, ist eine ganz andere Frage, aber daß die Gesell: 
schaft der Gegenwart mehr fiir die Kunst thut als die aller früheren 
Zeiten, ist eine Thatfache, welche die zahlreichen Vereine nnd Ansstellungen, 
welche die werthvollen Kunstsachen in den bürgerlichen Wohnungen, welche 
der Holzschnitt in der Stube des Arbeiters beweist. Die Wirkung in die 
Masse durch die illnstrirten Wochenblätter istszur Förderung künstlerischer 
Anregung ganz unbereihenbar, und darf selbst im Gesam1ntnrtheil über die 
Thätigkeit unserer Zeit für die Kunst nicht nnterschätzt werden. Gewissen 
Kreisen wäre freilich mehr Ernst nnd Sachkunde dringend zu wünschen.  
Die zweite Gattung der Vereine ist, wie erwähnt, die der Künstler: 
Vereine. Sie zwarikönnen auf die Hebung des Kunstverständnisses, auf V 
die Ertheilnng von Aufträgen, auf die Verwerthnng vorhandener Arbeiten, 
also mit einem Worte nach Außen, in die Gesellschaft hinein, praktisch sehr 
wenig bewirken, aber sie können durch eine heilsanie Thätigkeit nach Jnnen 
der Kunst höchst förderlich sein. Der Künstler, große Genien vielleicht 
ausgenommen, kann nicht gut lebendig sich entwickeln, ohne einer gewissen 
Gemeinsamkeit des Strebens sich bewußt zu werden, ohne an den Genossen 
zu erkennen, daß sie Alle einen Weg, den der heiligen Kunst wandeln, 
denn das Loslösen nnd Eigenartig:sein:wollen erzeugte noch immer 
das allgemein Gewöhnliche, während das Arbeiten im allgemeinen Strome 
zu einem gemeinsamen Ziele stets die besten Seiten der eigensten Pers 
sönlichkeitcn harmonisch mit dem Ganzen entwickelte. Der Genius mag einsam, 
der Leuchte seines Innern folgend, seinen göttlichen Beruf erfüllen, aber jeder, 
der wie ein Genius sich geberden will und doch nur ein Mensch wie so viele 
andere ist, wird nothwendig Carrieatur; noch niemals aber ist behauptet 
worden, daß ans der Carrieatur etwas Positives hervorginge. Das 
Anlehnen an einander ist nach theoretischen Gründen und nach den Er: 
fahrungen der Kunstgeschichte geradezu nothwendig, aber es ist, wie gar 
nicht zu verkennen, in unserer Gegenwart, die so gründlich mit dem alt: 
gemüthlichen Verhiiltniß in den ,,SchulenU gebrochen, eine schwere Sache, 
die rechte Form zu finden. Unsere Zeit will jeden ja möglichst selbstständig 
machen, und treibt so vielfach in zahllose Richtungen auseinander, daß 
eine Annäherung kaum möglich scheint; und doch fand sie den Weg hierzu. Auch 
für die Künstler ist es das Vereinswesen, das hier vermittclnd eintreten 
sollte, allein wenn andere Vereine so bestimmte, klare Zwecke fkcJ setzten, 
welchen Zweck sollten die Künstler auf ihre FUhUE fThkekbEU7 MUU Weiß, 
wie wenig mit der Geselligkeit bei Bier und Wein erreicht wird, und 
so fand man würdige Ziele, indem man sich an den Geist und das Herz 
Riegel, Grnndr. d. bild. Künste. I8
        

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