Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriß der bildenden Künste
Person:
Riegel, E. Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3450548
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3452694
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die Nacktheit gradezu so widersinnig sein, daß nnbekleidete Bilder der 
Musen, der Artemis, der Athene oder Here aufhören würden, Bilder 
dieser Gottheiten zu sein. Gehört aber die Kleidung nicht so nothwendig 
zum Wesen, wie besonders beim Weibe, ist sie vielmehr nur ein charak: 
teristisches Moment für den Ausdruck der Individualität, so wird sie zwar 
nicht unbedingt nothwendig, doch sehr wünschens1verth erscheinen. Eine 
Gestalt, in der ,,jeder Zoll ein KönigH sein soll, können wir mit könig: 
lichem Schmuck ansstatten, doch können wir sie auch, wie oft geschehen, in 
anderer Bekleidung, ja halb nackt darstellen, dagegen wird einem Priester 
oder einem Heiligen die Bekleidung nicht fehlen dürfen, während sie bei 
einem Herkules widersinnig sein müßte. 
Nur der Umstand, daß Bekleidnng nothwendig zu der dargestellten 
Jndividualitiit gehört, kann dieselbe in der Plastik gelten lassen, denn die 
wahre Schönheit zeigt nicht das von außen her über den Körper geworfene, 
immerhin fremde Kleid, sondern dieser Körper selbst in der Fülle seiner, von der 
Natur ihm gegebenen, organischen Formen. Ein Durchscheinen der Körper: 
formen durch die Vekleidnng hat man wenigstens da festzuhalten gesucht, 
wo man den Organismus nicht selbst zeigen konnte; allein dies letztere, die 
Darstellung des Nackten, bleibt immer die höchste Aufgabe der Plastik. 
Die modernen Sitteneifercr haben zwar fiir gut befunden, einen Versuch 
zu machen, das Nackte als nnsittlich zu verschreien, allein sie sind zu 
Schanden geworden, denn selbst ein zartes Gemiith wird nie nnd nimmer 
an einem Kunstwerke Anstoß nehmen können, auf dem eine edle Sinnlichkeit 
ruht. Die Sinnlichkeit aus der Kunst vertreiben wollen, heißt 
die Kunst zu einem Gespenst machenl Freilich edel sei diese Sinns 
lichkeit nnd frei von dem leisesten Anklange an Gemeinheit. Jst sie so edel, 
darin ist sie allen besseren Naturen willkommen, und nur gemeine legen ihre 
eigene Lüsternheit in sie hinein. Und nun ein kaltes Marmor: oder Erzbild, 
wie kann es trotz seiner Nacktheit sinnlich ausregen, wenn es nicht gemcin 
istP wie kann es mit seiner Kälte, mit dem weißen, starren Stein oder 
dein dunkeln, ernsten Erze, das Blut erhitzenP Ebenso, um dies hier gleich 
vorwegzunehmen, ist es mit dem Nackten in der Malerei, doch hier schützt 
und hält die Sinnlichkeit weniger die Würde, als die Anmuth, fehlt aber 
eines von beiden, so wird sie gemein und verwerflirh. Nur um der 
unwiderstehlichen Grazie, um des edelsten Formenreizes willen, sind uns 
selbst Scenen willkommen und durchaus unanstößig, die ohne jene uns 
verletzen würden, ja wir stellen derartige Werke, wie die des Correggio, 
auf die Höhe der Kunst und fürchten für unsre Sittlichkeit dabei schlechthin 
nichts, während wir uns von Darstellungen ähnlichen Inhalts anderer 
Künstler mit Ekel wegwenden, da sie poesielos nnd deshalb gemein sind.
        

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