Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriß der bildenden Künste
Person:
Riegel, E. Herman
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3450548
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3452049
als der eine derselben im Profil, der andere fast ganz von vorn gesehen 
wird. Jener, der des heiligen Papstes Sixtus, ist nach oben gerichtet und 
schaut zur Madonna auf, indem er mit der rechten Hand nach außen auf 
die zu denkende Christenheit weist. Seine Haltung ist bewegter und deutet 
die Vermittlung zwischen der ruhelosen Menschheit und dem Göttlichen an. 
In ihm ist, wie man in der Aesthetik wohl sagt, die aufsteigende Linie 
bezeichnet. In der Barbara erkennen wir umgekehrt die absteigende Linie, 
nnd ihre ruhige Haltung mit den1 nach unten geweudeten Blick und dem 
feelenvollen Antlitz bestätiget dies. Die Köpfe der Heiligen stinunen in 
ihrem symmetrischen Verhältniß vollkommen, wie dies an den sechs oben 
bezeichneten Punkten ersichtlich ist. Allerdings ist die verschiedene Haltung 
der beiden Köpfe von allergrößter Bedeutung, da nur so die sonst under: 
nteidliche Härte ver1nicden werden konnte, denn denkt man sich in dieser 
Anordnung beide Köpfe im Prosil, so wiirde man das Urtheil der Steif: 
heit gar nicht zurückhalten können; es offenbart sich somit der tiefste nnd 
feinste künstlerische Sinn in diesen Beziehungen. Auch die herunterhiingende 
Mantelschleppe nnd die Papstmiitze des Sixtus sind zwar nicht im absoluten 
Gleichgewicht der Masse, doch glaube ich, daß diese Abweichung um so wohl: 
thätiger wirkt, als die Beziehung des Sixtus zu der Erde und Menschheit 
hierdurch auf das Allerdeutlichste ausgesprochen wird. Dagegen ist das 
Gleichgewicht der Masse in der Madonna selbst sehr schön veranschanlicht, 
indem auf der einen Seite das Kind sitzt, auf der anderen der Schleier 
sanft weht. Es entsteht hierdurch der wohlgefälligste Umriß. 
Das Verhältniß des goldenen Schnittes wirkt nun lebendig über in 
die sym1netrische und pyramidalför1nige Grundlage, indem es die Maß: 
besti1u1unngen festsetzt. Jst die Höhe des Bildes gegeben, so folgen daraus 
alle wesentlichen Punkte, zunächst c und d, wo die beiden Fußspitzen sich 
befinden, dann die Breite des Bildes und die Abweichung der Hauptfigur 
aus der geometrischen Mitte, also die ästhetische Axe. Es folgen dann 
die Punkte e, f und g zur weiteren Festsetzung der Lcingentheiluug und es 
sehließen sich die Punkte ej, r, s nnd t nebst u und v für das Breitenver: 
hältniß an. Daß nunmehr, nachdem diese Punkte angeordnet sind, die beiden 
Pyra1nidallinien der obern Gruppe lp und pm unmittelbar sich ergeben, 
ist klar, nnd es findet somit die inuigste Beziehung zwischen dem Umriß 
der Gruppe nnd der Spitze derselben p einerseits, nnd den Theilungen 
des goldenen Schnittes andererseits statt. Für die untere Gruppe ist der 
Abstand von p von dem oberen Bildraude bestimm.end, indem derjenige 
von pt vom untern Bildrande fast genau die doppelte Länge von jenem 
mißt, so daß auch hier die nnn1ittelbarste Wechselwirkung des symmetriscJen 
und pyramidalen Motivs mit dem des goldenen Schnittes wiederkehrt.
        

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