Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wilhelm Kaulbach
Person:
Müller, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3410317
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3416188
Gefelligkeit. 
447 
gerieten die Damen in ein so eifriges Gespräch, daß sie nicht merkten, 
wie sie immer lauter wurden, bis vom Nebenzimmer her ein zorniges: 
,,Etwas leiserU gerufen wurde. 
Der Abend versammelte die Seinigen am Familientisch bei der 
Lampe. Da fühlte sich Kanlbach voll und ganz in seiner Gemütlichkeit 
besonders zur Winterszeit. Er zeichnete meist bis tief in die Nacht 
hinein, während alles um ihn her planderte. Auch erzählte er bei 
diesen Gelegenheiten gern und viel aus seinen1 Leben, manches Frohe, 
aber auch manche tief traurige Erinnerung aus der Jugendzeit. Außer: 
ordentlich liebte er es zu arbeiten, wenn seine Frau und Töchter ihm 
uorlasen, nnd im Laufe der Jahre hörte er so Abend für Abend im 
bnntesten Wechsel ernste historische Werke, klassische Dichtnngen, Sagen, 
Märchen, mitunter auch leichtere moderne Romane unermüdlich vor: 
tragen. Bis den Damen die Augen zufielen, zeichnete er ununter: 
brachen die versrhiedenartigsten Dinge, meist ohne Bezug auf die Lektüre. 
Jn dieser Art entstanden manche seiner heroorragendsten Jllustrationen, 
zum Beispiel, wie dies schon erwähnt wurde, die Blätter zu Reineke Fuchs. 
Ja späteren Jahren bezahlte Kanlbach regelmäßige Lesestunden für 
die Abende. Gegen sieben Uhr kam ein Vorleser, der für alle schrecklich 
war, und dem Kaulbach selbst mehr als Opfer eines Almosens als aus 
Vergnügen zuhörte. Sein Lesen war, wie die Kinder berichteten, ein: 
kduig wie das Tiktak einer alten Uhr. Das Vorlesen der Hausfrau, 
die manchmal bis ein oder zwei Uhr Nachts festgehalten wurde, war 
dem Künstler viel lieber gewesen, und auch nur diese, sein Sohn und 
einer seiner Schwiegersöhne konnten es ihm darin recht machen. Den 
Töchtern wurde das Vorlesen des fremden Mannes sehr bald geradezu 
verhaßt und so langweilig, daß sie sich gleich zurückzogen, wenn er kam; 
sie lasen lieber für sich allein. 
Die Geselligkeit des: Kaull1adhfchen Hauses pflanzte sich auch fort, 
als die Kinder größer wurden. Ebenso wie die fernere Familie mit 
Kind nnd Kegel häufig zu Gast geladen nnd mit der größten Herzlieh: 
keit bewillkonnnnet nnd bewirtet wurde, liebte der Künstler den Besuch 
non Freunden nnd Genossen in seinem Hause, während er selbst immer 
weniger ausging. Das ,,rote Schloßtl war jahrelang, bis Kaulbach die 
Freuden der Gastlichkeit infolge einer Krankheit einschränken mußte, ein 
wiihtiger Mittelpunkt des geistigen nnd gefelligen Verkehrs in der 
baierischen Residenz, und die herzliche Aufnahme, die jeder dort fand, 
war in aller Munde. Das Haus blieb um so gesuchter, da im großen 
35H9
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.