Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wilhelm Kaulbach
Person:
Müller, Hans
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3410317
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3411791
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JUgendarbeiteu 
und 
JugeI1dtorhäitc11. 
offenen Gassen die Verkürzu11gen, den Augenpuukt und dergleichen 
zeigen, und zwar schlug er, um den unvermeidlichen Gaffern und Neu: 
gierigen zu entgehen, die frühe Morgenstunde zum Unterricht vor. Die 
Äbtissin ging darauf ein, und jeden Tag um sechs Uhr früh sah 1uan 
nun in den Straßen der Stadt eine ,,hinunellangeU alte Dame stehen 
1uit einem hageru jungen Mann, der ein Reißbrett auf dem Rücken 
trug. Darauf malte sie mit feierlicher Miene ihre langgezogeuen 
Linien, Wilhelm Kaulbach war ihr Lehrer und ihre Staffelei. 
Auch einer talentvollen Prinzessin Saln1 soll er schließlich Unter: 
richt erteilt haben, wie sich denn überhaupt die vornehmen Kreise auch 
schon damals seiner gern annah1nen. Raezynski will wahrscheinlich ein 
bestimmtes Verhältnis andeuten, wenn er schreibt: ,,Er war der 
Gegenstand der uneigennüt;igsten und großmütigsten Liebe, als er noch 
unter den ungünstigsten Aussichten, ohne Hoffnung eines dauerhafteu 
Glückes dastand.U 
Treulich teilte der Jüngling, was: er sich gelegentlich durch Stunden: 
geben und Malen erwarb, mit den Seinen in Mülheim, anstatt selbst 
wie andre unterstützt zu werden. Von außerordentlichen Ersparnissen 
sodann kaufte er sich Bücher, die Nibelungen und den Homer, die er 
sich mit einem wahren Heißhunger zu eigen machte. Überwältigend 
vor allem wirkte auf ihn die Schönheitsliebe, Daseinsfreude und 
Freiheitsseligkeit, die aus den griechischen Dichtungen zu seiner innersteu 
Seele sprach, da er gerade nach alledem einen so sehnsuchts3vollen Drang 
empfand. Das Lied des Heimwehs, die Odyssee, war seine eigenste 
Welt im kleinen, und er wußte sich mit herzlichster künstlerischer Ein: 
pfindung ganz hinein zu versenken. Dazwischen erhielt er den Cid ge: 
schenkt, den er als besondern Schuh hütete. Im übrigen hatte er so 
gut wie gar keine Bedürfnisse für sich selbst. Jhm war es ja von früh 
ais nichts neues, von der Hand in den Mund zu leben, des morgens 
beim Aufstehen nicht zu wissen, wo er des abends sein Essen finden 
sollte, und er gestand offen, daß es auch in dieser Zeit noch häufig 
seine höchste Jdee gewesen sei, sich einmal recht satt an Butterbroden 
essen zu können. 
Auch seine Tage am Rhein waren unterdessen gezählt. Jcu Früh: 
jahr 1826 wurde Kaulbach mit Eberle und AnschütJ nach München be: 
ruf n, u1n im Konzertsaale des dortigen neuerbauten Odeons die Decke 
a1 fresco zu malen, die erste größere selbständige Arbeit, die er unter: 
nehmen durfte. Voll Vertrauen auf seine Kraft folgte er dem ehren: 
vollen Auftrage. CorueliuL3 hatte gerade ihn ausgewählt, weil er in 
der Zuversicht lebte, daß der Schüler ihm durch frei erfuudene 
Schöpsuugen Ehre machen würde.
        

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