Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3386212
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3393175
Baudry. 
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der klassischen Kunst nach der Natur selber gemalt war. Am Fenster, in 
athen1lose1n Schrecken zusammengedrückt, steht bleich und entseHt über die 
eigene That die jugendliche Cordah; in den starren Zügen und der straften 
eingesogenen Körperhaltung spricht sich ihre Seelenangst tresfend aus. Den 
engen Raum erleuchtet ein kaltes grelles Tageslicht mit einfallendem 
Sonnenstrahl; die.That liegt offen vor den Augen der Welt, sein Ziele; 
licht, kein Helltunkel schwäcbt sie ab. Das war offenbar die Absicht des 
Künstlers, indem er sich an die Wirklichkeit nicht kehrte, da ja bekanntlich 
die Handlung des Abends vor sich ging. Ganz nuversd7leiert sollte das 
Entsetzliche der That, ja durch den Kontrast der Beleuchtung nur um so 
eiuschneidender wirken. In derselben Absicht wol ist das Beiwerk mit voller 
Natnrtreue in seiner ganzen modernen Nüchternheit wiedergegeben; Alles 
drängt sich mit scharf ausgeprägter Bestimmtheit in7s Auge. Also mit voller 
gegenwärtiger Gewißheit soll die Scene den Beschauer packen. Aber die 
Darstellung ist über das Ziel hinausgetrieben; zwischen den Figuren und 
Dingen, die den gleichen Werth haben, schweift der Blick unstet hin und 
her nnd kann sich nicht sammeln. Andrerseits erhebt uns nichts über die 
schneidende Wirkung des Gräßlichenz der Bangigkeit des erschiitterten Ges 
müths ist die Macht der sittlichen Leidenschaft nicht entgegengehalten, kein 
Hauch von Seelengröße ,verföhnt mit der schrecklichen That. Und da der 
Künstler das Mittel nialerischer Stimmung verschmäht hat, so überrascht 
das Bild nur, ohne den Blick zu fesseln und in sich hineinznziehen. Hi; 
storifch ist es ohnedem nicht, da es sich auf den Ausdruck einer subjektiven 
Empfindung beschränkt  worin,es übrigens von dem effeltvollen Pathos 
des französischen Wesens nicht frei bleibt  nnd durch die Behandlung 
des Details in das Sittenbildliche übergeht. Jnsofern liefert es uns einen 
neuen Beweis, wie wenig die jüngste Malerei zur eigentlich historischer: 
Kunst befähigt ist. Ein energisches Erfassen der Natur und eine getvandte 
Hand in der 1nalerischeu Ausführung lassen sich ihm nicht absprechen s. 
Jene Fähigkeit, der Natur von Seiten ihrer realen Bestimmtheit bei3us 
kommen, ist namentlich auf die Bildnis s e Baudrh7s von furchtbarem Eins 
fluß gewesen. Auch in diesem Fache hat er vielen Erfolg, wenn er gleich 
in der Auffassung nicht immer glücklich, in der Behandlung bisweilen um: 
nierirt ist. Eines seiner besten Portraits ist dasjenige Gnizot7s. Lebendig 
durch die Verbindung einer tüchtigen Zeichnung mit sattem Kolorit gibt 
es den Mann in seiner eigenen Individualität wie im Charakter der Zeit 
wieder. 
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