Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3386212
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3387094
Der Verlust der christlichen Mythe11we1t. 
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Menschliche legen zu können, mußte der Maler zu ihnen, sei es auch nur 
durch die Vermittlung des Zeitalters, ein inneres Verhältnis; haben. Ein: 
schwand ihm doch auch dann das Göttliche nicht selten so sehr unter den 
Händen, das; nicht wenige Marien Raphaels weit mehr liebliche Mädchen, 
als jungfräuliche Madonnen sind. Wir Modernen dagegen sind so naiV 
nicht mehr, in den Gestalten des Malerei, auch wenn sie nur Menschen 
sind, noch das Göttliche zu sehen. Wir wissen, daß die Figuren des 
Christenthums ein Unendliches in siih, tragen sollen und verlangen daher 
vom Künstler, das; er es uns aus ihnen entgegenleuchten lasse. Aber 
zugleich sind sie für unsere Vorstellung zu bloßen n1ythischen Typen 
geworden, entseelte Schemen, leere Larven, da der göttliche Inhalt aus 
ihnen herausgezogen ist. Es ist der christliehen Religion eigenthiimlieh, 
daß ihre Wesen das Absolute als ein Jenseitiges in sich fassen; und 
so find Jesus nnd Maria sammt der Heiligenschaar, sobald sie ihren 
göttlichen Nimbns verloren haben, nichts weiter als Menschen. Dann 
ist aber auch ihre religiöse Bedeutung dahingesallen nnd ebenda1nii 
ihr.ideales Dasein für die Kunst. Das ist ihr Unterschied von den 
mhthischen Göttern des Alterthu1ns: sie sind keine reinen Erzeugnisse 
der Phantasie, in denen derunendliche Inhalt in die Form ganz eiuge: 
gangen wäre, sondern von einem überirdischen Lichte verklärte Menschen; 
leiber, die der Glaube ewig in dem dünnen Aether zwischen Himmel nnd 
Erde schweben sieht. Nach dem Gesetz der gewöhnlichen Schwere fallen 
sie herab, sobald dieser Glaube todt ist. Und so kann ihnen der Künstler 
nicht mehr die seelenvolle Schönheit geben, mit der sie einst in die 1nalerische 
Erscheinung hinanstraten. Daher ist in der Regel sein Werk, wenn es 
der religiösen Stimmung entgegenkom1nen will, entweder eine niiehterne 
ScJOUikEUUU8 akadeinischer Figuren, das den Ausdruck frommer Empfindung 
Mk lügt; oder, falls es ernst gemeint ist, abgeschnitten von dem lebendi: 
gen Pulsschlag der Gegenwart und darum befangen in der Enge und der 
ErhiHung einer rückwärts gewendeten Anschauung. Will er aber jene 
Wesen Als XVIII lJEs4I2kOhtlick2e Figuren fassen, so muß er ihre eigenthiin1i 
liebe Bcdeutcmg aufgeben, ohne dafiik Ersatz zu finden: Jesus ais Lehrer 
ist nicht 1nalerisch, seine Geburt aber, sein Leben nnd sein Ausgang werden 
genrehaft, sobald ihnen das Wnnderbare genon1n1en ist. 
Mag dennoch, wie sich Goethe einmal ausdrückt, ein religiöser Stoff 
noch immer, wenn er nur allgemein menschlich ist, ein guter Gegenstand 
für die Kunst sein: so wird auch in die Darstellung eines solchen nur
        

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