Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3386212
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3390198
Napoleon6E. 
,,ApetheofE 
sein eigentliches Feld. 
Seine Mängel und 
321 
die Wirklichkeit des Lebens in ihren warmen Schein zu fassen hat, so nahe 
historische Gestalten und Ereignisse in bloße Phantasiegebilde verfliichtigen 
kann, ohne in eine kalte und leere Allgemeinheit zu verfallen.  Dieselbe 
Armuth an erfindender Phantasie, die sich namentlich der bewegten Maus 
nigsaltigkeit des Lebens nicht gewachsen zeigt, haben wir in den kleinen 
Bildern des Meisters angetroffen, welche Stoffe aus der neueren Geschichte 
behandeln. Hier ist noch eines Werkes zu gedenken, das durch feine lebeus: 
großen Figuren in7s Mon1nnentale geht und bald nach der Apotheose Nu; 
poleons c1854J entstanden ist. Es ist eine Jungfrau von Orliäans in 
der Kathedrale von Rheims bei der Weihnng Karls V1I. umgeben von 
einigen Begleitern Cgleichfalls historischer: FigurenJ. In dieser einfachen 
Situation spricht nur die schöne in der Rüstung wol ausgepriigte Gestalt, 
in Haltung und Ausdruck mehr die stille Ergebung in ihre große Rolle 
und die ruhige Freude über die erfüllte Sendung, als heroische Größe, 
während in den gut charakterisirten Nebenfiguren das Geprägeider Zeit 
treu und schlicht wiedergegeben ist. Hier, wo er nichts weniger als einen 
erregten drangvollen Moment vor sich hatte, noch eine tiefere Beziehung 
der Personen, hatte das Talent des Malers leichteres Spiel. 
Vielleicht, daß in einer mehr iisthetisch gestim1nten Zeit, als die 
unsrige ist, Jngres manche Anregung gefunden hätte, die auf seine nur 
langsam und schwer arbeitende Einbildungskraft von belebendem Einfluß 
gewesen wäre. So wie die Dinge lagen und wie ihn seine kiinstlerische 
Natur antrieb, jede Gestalt zu der höchsten Fortnenreinheit und doch zum 
vollen Fluß des Lebens herauszubilden, war wol für ihn das dankbarste 
Feld, auf dem sich sein Talent voll und unbeschränkt bewähren konnte, die 
ideale Schönheit oder die charaktervolle Wahrheit der Einzelfignr. Also 
einerseits die Erscheinung des menschlichen, namentlich des weiblichen Körs 
. pers in dem Reiz seiner vollkommenen Blüte, die von jeher für die Kul: 
turvölker das Bild gewesen ist eines göttlichen nnd unvergcinglichen Das 
seins, andererseits die naturwahre und doch in den geliinterten Schein der 
Form erhobene indivsiduelle Gestalt, d. h. das Bildniß. Für beide Gelt: 
tnngen bedurfte es dessen nicht, was Jngres vorzugsweise fehlte: weder 
eines großen Aufwandes erfinderischer Phantasie, noch der Fähigkeit einer 
tieferen, die Gestalt mit dem bewegten Ausdruck des inneren Lebens durchs 
dringenden Empfindung. Und in der That hat der Künstler, so scheint 
mir, das hohe Ziel,sdas ihm vorsc;webte, nur auf diesen beiden Gebieten 
ganz erreicht. Aus dem ersteren fallen schon, wie wir gesehen, einige
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.