Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3386212
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3389047
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Bachs 
Kapitel. 
De1actoix. 
gleichsam in einen unermeßlichen Abgrund von Empfindungen hineinziehen; 
Stoffe, die er gern den Dichtern entnahm nnd deren poetische Wirkung er 
dann in das ahnungsvolle und doch unmittelbare Leben der Farbe nnd des 
Tones 1nnset,3te. Der Gefangene von Chillon Cnach BhronJ, wie eins 
gehüllt in feuchte Kerkerlnft, mit dem Krampf wilder Verzweiflung sich vors 
stürzend, dem in seiner Nähe sterbenden Bruder zu helfen, aber zuriickge: 
halten von der straff gespannten Kette C1837J; Hamlet, eine zarte, leidende 
Gestalt, mit Horatio in der Kirchhofscene, da ihm eben der eine Todten: 
gräber, eine grobe Figur mit bloßer Brust, den Schädel des Spaßmachers 
Yoric.k hinhält, im fahlen Licht eines nördlichen Wolkenhimmels und in 
einer kahlen, öden Natur Ct839J; Jnlia in der Grabesstätte, da sie eben 
erwacht; vor Allem aber die Schiffbrnchscene aus Byrons Don Juan 
C zweiter GesangI: ein Boot, ohne Ruder, ohne Segel, rings umgeben von 
dem noch träg bewegten Meere, das sich in der Ferne mit der welken; 
schweren Luft zu ver1nengen scheint, in der furchtbaren Weite und Einfam: 
keit ganz sich selbst überlassen, überfällt von den blassen, von Hunger zer: 
nagten Gestalten, von denen die Einen in stummer Verzweiflung der 
Auflösung schon nahe sind, die Anderen eben das Loos werfen, wer das 
Opfer ihrer Gier werden soll c1841J; endlich im gefpenstischen Dämmer: 
licht des Mondes der Tod Valenstins, in einer engen Straße mit hohen 
altdeutfchen Giebelhänfern, ans deren einem Gretchen die Hände ringend 
hervorstilrzt cl848J  immer ist der fchauerliche Vorgang sowol durch die 
Farbenstimn1nng, als den der momentanen Realität abgelanschteu Ausdruck 
in erschütternder Weise versinnlicht. Und zwar furchtbarer, als es in des 
Poeten Absicht lag. Denn aus dem fortgleitenden versbhnenden Fluß des 
Ganzen ist hier ein unseliger Augenblick herausgegriffen und auf der Spitze 
des Gräßlichen festgehalten. 
So aber behandelte Delacroix nicht blos die Stoffe der neueren Ge: 
schichte und Dichtung, sondern auch die Antike. Er zog ihre idealen Ge: 
scalten, wie sich schon an seinen tnonun1entalen Werken zeigte, in die Noth 
und den Kampf der drangvollen Wirklichkeit herab, gab ihnen das heiße 
Blut moderner Leidenschaftlichkeit und die schroffen, plötzlichen Bewegungen 
des von der Empfindung ganz beherrfchten Leibes. An die Stelle der ges 
länterten Form und der rhythmischen Linie setzte er auch hier das blitzartig 
ans der Seele schlagende, den Körper bald verhüllende, bald war1nund 
voll heranshebende Element der Farbe. Hier ist vor Allem charakteristisch 
nnd als der volle Ausdruck seines Talentes Eines seiner hervorragenden
        

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