Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der modernen französischen Malerei seit 1789
Person:
Meyer, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3386212
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3388380
156 
Buch. 
Kapitel. 
Das Sittenksild der neuen Zeit. 
,,mein Kind, nun werden sie deinem Vater den Kopf abschlagent7; das iß 
durch eine Geberde ausgedrückt, die natürlich den Vorgang nur andeuten 
kann, nnd so bildet auch hier, wo es doch auf die Empfindung des Bei 
schauers abgesehen ist, das Gedränge mit den n1alerischen Kulturformeu 
und Kostiimen die Hauptsache. Eine änßerliche malerifche Wirkung ist denn 
auch so ziemlich Alles, was Jacquand anstrebt und durch das Vermischen 
alter und neuer Manier, zu der er sich nicht erheben kann, nothdürftig 
erreicht. Im Ausdruck bleibt er matt nnd gezwungen, in der Bewegung 
noch in der Steisheit der alten Schule befangen. 
Auch in der Schilderung des bürgerlichen Lebens war die Lhoner 
Schule der Verbote einer neuen rasch sich ausbreitenden Gattung: nur 
daßsdiese, das Fach weiter ansbildend, sich nicht mehr mit der äußerlichen 
Erscheinung dieser lleinen Welt bcgniigte, sondern durch die Darstellung 
ihrer Leiden nnd Konflikte, durch den Ausdruck einer tieferen Empfindung 
auf die Seele des Beschauers zu wirken suchte. Man fühlte die Leere und 
Bet1vaschenheit, welche durch den plötzlichen Bruch mit der vorangegangenen 
Gesittung in die Erscheinung des Volkslebens gekommen war, und dachte 
diesen Mangel durch einen richtenden Inhalt, durch die Kämpfe und Schick: 
sale der bürgerlichen Existenz zu ersetzen. Die Leidenschaften nnd Wechsel: 
fälle, welche bisweilen den stillen Kreis der Familie von Grund aus auf; 
wühlen, traten nun um so mehr in den Vordergrund, als das thatenlose 
Regi1nent der Bourboneu die Aufregung des öffentlichen Lebens vermissen 
ließ, dagegen die Entwickelung des persönlichen Lebens, die unserem Jahr: 
hundert eigenthiimlich ist, begünstigte. Doch beschränkten sich hierbei die 
Maler fast durchgängig auf die niederen Stände, in denen sie doch noch 
mehr Natur nnd günstigere Formen fanden, als in den höheren. So nahm 
diese Kunst das Sittenbild wieder auf, wie es Grenze am Ende des achti 
zehnten Jahrhunderts gelassen hatte; er war ja der Borläufer einer neuen 
Zeit gewesen is. S. 18I,und, so lag diese Erneuerung in dem Lauf der 
Dinge begründet. Nur ging jeHt, was der vereinzelte Griff eines großen 
Talentes gewesen, in die Breite der allgemeinen Anschauung und in die 
vielen Hände einer Zahl minder bedentender Künstler über. Das stille 
Glück nnd Leid des Familienlebens, das in der Salonatmosphiire des achts 
zehnten Jahrhunderts nicht gut. hatte aufkommen können, trieb jetzt mit 
dem Hervortreten des Biirgerthums nach allen Seiten seine Sprößlinge. 
Daher kehrte auch die Verwandtschaft, welche die Malerei von Grenze zur 
Poesie gehabt hatte, nun in anderer, weit umsassendever Weise wieder.
        

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