Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Spemanns goldenes Buch der Kunst
Person:
Spemann, Wilhelm Becker, Felix
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3263589
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3264258
Nrv. 34s 
s88. 
Prof. 
12enn1ann. 
36. Klafsizitiitdcr Antike. Die 
Vereinigung all dieser Eigenschaften 
griechischerKunst hat es in allerFolge 
dahin gebracht, daß gewisse Gesell: 
schafts: undKunftkreis e immer wieder 
diese Griechenkunst für klassisch er: 
 klärt, was die Griechen gemacht, für 
schlechthin schön, und was diesen 
Normen 1viderspricht, für häßlich 
erklärt haben. Nun erscheint frei: 
lich die ,,klassischeU Antike nur der 
späteren Kunst gegenüber als eine 
große Einheit: genauer und für sich 
selber betrachtet zerfällt sie in so 
viel verschiedene Ausdrucksweisen, 
daß man fast von Stilwechsel fpre: 
chen kann. Es ist dieser Thatsache 
gegenüber jeder Versuch, ihre ge: 
meinsamen und dauernden Eigen: 
schaften und Charakterzüge be: 
stim1nter zu formulieren, schwierig 
und nur mit einer gewissen Reserve 
zu unternehmen. Dieser Versuch 
ssoll im Folgenden, nachdem die 
zVoraussetHungen und allgemeinsten 
Züge der griechischen Kunst be: 
fprochen worden find, gemacht 
werden. ,  
 37. OesfeutlikhFcct autkkerKunft. 
Die antike Kunst ist vor allem eine 
öffentliche. So wie der antike 
Mensch nur im Atem der Oeffent, 
lichkeit lebt und in seinem gesel1igen 
Bedürfnis immer dahinstrebt, wo 
alle sich zusan1menfinden, auf den 
Markt, auf die Börse, in die Fest: 
Versammlung, ins Theater, so ist 
auch die Kunst nach außen gewandt 
und neigt daher zu monumentaler 
Wirkung. 
38. Tempelbauten. .Das Haupt: 
stück griechischer Architektur, der 
Tempel, ist lediglich Fafsadenbau. 
Das Jnnere enthält nur Kultbild und 
Weihgeschenke und abgefchlosseueGs, 
lasse: der Kult selbst entfaltet sich 
im Freien mit Opfern, Prozessionez; 
u. dergl. Die Art, wie diese Außen2 
architektnr ihre Aufgabe gelöst hat, 
gehört zu den glänzendsten Leist2 
34. Jllnsionskraft. Für die 
Griechen war es also keine poetische 
Fiktion, wenn sie die Sonne als unt 
die Erde sich drehend glaubten, wenn 
sie die Erde als eine flache, meet: 
u1nsäumte Schüssel sich vorstellten, 
wenn sie jede Stadt, jeden Fluß und 
jedes Gebirge in menschlicher Gestalt 
sahen Cwas wir personifizieren nen: 
nenJ, wenn sie schließlich jede be: 
liebigeAbstraktion,wieLiebe,Friede, 
Reichtum oder das Ellenmaß, um 
das der Nil in der Zeit der Ueber: 
schn1emmnng steigt, als organische 
Persönlichkeit mit ihren Sinnen 
erblickten; sondern diese von uns 
sog. poetischen Fiktionen waren den 
künstlerisch sehenden Griechen wirk:, 
liche Wahrheit. Und da ferner 
eine höchst lebhafte und leicht erst 
regliche Phantasie, die Lust aniI 
Fabnlieren den Griechen gestattete, 
schon auf kurze Distanz alles ver: 
klärt, erhöht und gleichsam vergoldet 
zu erblicken, so schufen sie eine Kunst, 
welche die realisierte Wirklichkeit 
ihrer Träume war, eine Art Wirt: 
lichkeit mit Abzug alles irdisch Be: 
dingten, an Not und Allzn1nensch: 
liches Erinnernden. 
35. Griekhische Ideale. So 
entstand eine Welt von Formen, 
derartwie sich die Jugend, frei von 
Leiden und Sorgen,von den schweren 
Nöten und Fragen des Menschen: 
lebens noch nicht beunruhigt, den 
Himmel voller Flöten denken mag. 
Der Sprachgebrauch nennt diese 
Fähigkeit: Jdealisieren, und man 
pflegt in diesem Wort die ganze 
Skala von ungetrübter Heiterkeit 
bis zu ernsthafter Majestät zu be: 
greifen, vor allem aber einen in 
schmeichelnden Linien undHarmonie 
der Verhältnisse sich ausdriickenden 
Adel, der über den Abgründen 
des Menschenpöbels dahinschwebend 
das Privilegium einer holden Ober: 
flächlichkeit undseiner geschäftslosen 
Muße genießt.
        

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