Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst der Naturvölker und der Vorzeit
Person:
Sydow, Eckart von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3252668
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3253239
Wirklichkeiten. Dennoch bleibt das 
werkes das in ihm lebende Gefühl. 
Eigentliche, 
das 
Innerste 
des 
Kunst- 
Zwar gilt dies zunächst nur von den reinen Kunstwerken. In beschrän- 
kendem Sinn ist es tunlich, diese Überlegungen auch auf diejenige Stufe des 
Lebens anzuwenden, auf der die ästhetische Funktion noch nicht in der Luft 
der laboratoriumshaften Ateliers gereinigt wurde, sondern auf der das 
Künstlerische sich noch eng mit den anderen Grundkräften des Seelischen 
verschmilzt: hier in der Welt der Primitivität kreuzen sich die verschiedenen 
Richtungen. 
Sie "kreuzen" einander,  damit ist eine wichtige Unterscheidung der 
beiden Entwicklungsstufen ausgedrückt. Denn von der zivilisierten Welt 
kann man dies nicht sagen; hier müßte man von der reinen Isolierung oder 
von der Identifizierung sprechen. Es ist ja wohl denkbar, daß in absehbarer 
Zukunft ein und dasselbe Werk sowohl ästhetischen wie ethischen, wie 
sozialen, wie religiösen Charakter tragen wird, so daß jede Funktion rein in 
sich zum Ausdruck kommt und sie alle sich doch in der Formulierung 
ihrer Tendenzen restlos decken. So einfach liegt die Problematik nicht in 
der Primitivität. Zwar beherrscht das ästhetische Moment die primitive 
Wirklichkeit in weitaus höherem Maße als etwa das soziale Element die 
neuzeitliche Gegenwart. Aber es drängen sich andere Richtungen der Seele 
instinktiv mit herein, so daß die Erläuterung des Kunstwerks mit rein kunst- 
wissenschaftlichen Darlegungen und Hinweisen nicht dem Charakter der. 
meisten, der wichtigsten Arbeiten primitiver Herkunft Genüge tun kann. 
Zwar führt die ästhetische Einfühlung sehr tief in das primitive Werk hin- 
ein, aber es liegen dann beträchtliche Strecken des Kunstfeldes brach. Nehmen 
wir als Beispiel die überraschende Größe des Kopfes der afrikanischen 
Ahnenfiguren, so bleibt doch die rein kunstwissenschaftliche Analyse vor 
einem Rätsel; die Hoffnung, in der Übergröße den gleichsam architektonischen 
Abschluß nach oben hin zu finden, enttäuscht angesichts der Tatsache, daß 
auch manche Stühle, die von Figuren getragen werden, diesen Gestalten eine 
überragende Wichtigkeit ihrer Gesichter und Schädel verleihen, wiewohl 
doch der obere Abschluß nicht von den Köpfen, sondern von wagerechter 
Sitzfläche gebildet wird. Hier muß der Hinweis auf den Ahnenkult Platz 
greifen,  die rein künstlerische Ausdeutung versagt. 
Dennoch lehrt die sorgfältige Betrachtung des primitiven einzelvölkischen 
Lebens, wie ungemein wirklich die ästhetische Funktion ist,  wie sehr 
der Sinn aller Ursprünglichkeit sich realisiert in Gebilden, die Form gewor- 
denes Gefühl voll seelischer Ruhigkeit sind. Ihre ganze soziale Welt äußert 
diese Lebenshaltung: einbezogen in den Bannkreis des Stammes, wagt das 
Individuum nicht, sich zu isolieren. Es knüpft sich Glück oder Unglück der 
Völkerschaft streng an das richtige oder falsche Verhalten des Häupt- 
lings oder Zauberers. Ein kunstvolles Gewebe hält alle Stammesangehörigen, 
im Unterschied und auch Gegensatz zu anderen Stämmen, fest zusammen;
        

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