Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Wiederkehr der Kunst
Person:
Behne, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3231019
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3231811
architektur möchte ungemütlich werden. Ganz bestimmt. Das wird 
sie. Und das ist ihr nicht geringster Vorzug. Denn aus seiner {Ge- 
mütlichkeit muß erst einmal der Europäer herausgerissen werden. 
Man steigert das Wort gemütlich nicht umsonst ins "Saugemüt- 
liche". Fort mit der Gemütlichkeit. Erst wo die Gemütlichkeit 
aufhört, fängt der Mensch an. Gemütlichkeit ist kein Wert. 
Zum Skatspielwinkel oder Dämmerschoppenecke ist das Glas 
allerdings wenig als Material geeignet, man müßte es denn schon 
zu Nachahmungen von Butzenscheibenromantik mißbrauchen. Aber 
solche Fensterscheibenglaserei ist ja nicht im mindesten unsere 
Glasarchitektur. Die Glasarchitektur hebt den geistlosen Behar- 
rungszustand der qualligen Gemütlichkeit, in der alle Werte stumpf 
und matt werden, auf und setzt an ihre Stelle den Zustand eines 
hellen Bewußtseins, einer kühnen Aktivität und eines Schaffens 
immer neuer, immer schönerer Werte. Waren bisher alle Behau- 
sungen des Menschen nur immer weiche Prellböcke seiner Bewe- 
gungen, Versuchungen, behaglich auszuruhen und die Dinge gehen 
zu lassen, so wird uns die Glasarchitektur in Räume stellen, die 
immer wieder uns verhindern, in Stumpfsinn, Gewohnheit und Ge- 
mütlichkeit zu verfallen. Und das trotz des feinsten und kultivier- 
testen Komforts ihrer Einrichtungen. Denn die Glasarchitektur 
kann sehr köstlich allem berechtigten Verlangen des Menschen 
nach Ruhe und Genuß nachkommen. Sie ist wahrhaftig keine 
spartanische Institution, aber sie hat den Vorzug, uns niemals gehen 
zu lassen im Gewohnheitsgleise, denn sie ist ja immer neu, immer 
köstlich, immer zur Bewunderung. . . nicht des Menschen und 
seines Könnens, sondern der unendlichen Welt hinreißend und 
insofern eben bei aller Köstlichkeit und Zartheit "ungemütlich". 
In einer fast rätselhaften Weise bleibt sie immer primitiv! 
Ihre tiefste Wirkung aber wird sein, daß sie die Starrheit des 
Europäers bricht und seine Härte. Der Europäer ist dort, wo er 
unverantwortlich ist, gemütlich, dort aber, wo er Verantwortung 
hätte, hart. Unter einer qualligen Außenseite ist er stumpf und 
brutal. Das Glas wird ihn umwandeln. Das Glas ist klar und kan- 
tig, aber iniseinem versteckten Reichtum ist es milde und zart. So 
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