Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3223568
Die darstellenden Künste. 75 
äußere Bedingung zur Erreichung eines Maximums von Monumentalität 
erfüllt. Die große Form war da, aber sie wurde von keinem gleichgroßen 
Gefühl erfüllt. Die romanischen Völker vermögen wohl an einer reinen 
Formenkunst sich zu laben, dem Deutschen ist sie Stein für Brot. Die 
Selbstgenügsamkeit der Form ließ die darstellenden Künste des I4. Jahr- 
hunderts ebenso, wie wir es an der Architektur gesehen haben, in einen 
Zustand des Beharrens ausmünden; der bezeichnende Ausdruck einer 
gesättigten, auf Autorität und Konvention gestellten Kultur. 
Von der Architektur diktiert, vollzog sich im Verhältnis der beiden 
darstellenden Künste untereinander eine Umstellung, welche den Aspekt 
der Gesamtkunst vollständig veränderte: die Bildhauerkunst wurde über 
ihr Leistungsvermögen hinaus mit neuen Aufgaben überlastet  der 
Malerei ging ihr bisher größtes Wirkungsgebiet, die Wandmalerei, verloren. 
Wird nicht durch diesen zweiten Satz in unsere vorausgeschickte These 
vom eminent monumentalen Charakter dieser Epoche eine schwere und 
unbegreitliche Bresche gelegt? Es wäre in der Tat so, wäre nicht für 
die Wandmalerei ein Ersatz" gefunden worden, der von der Architektur 
aus betrachtet den Verlust mehr als aufwog: die Glasmalerei. So gewiß 
diese echteste Tochter der Gotik in der Erfüllung bestimmter, wesen- 
haft zur Malerei gehörender Belange weniger leisten kann als die Wand- 
malerei, so gewiß ist sie für die Einheit von Malerei und Architektur die 
höchste Form. Dasselbe bedeutet für die Bildhauerkunst, sowohl im 
Sinneider Beschränkung als in dem der monumentalen Steigerung, die 
gotische Bauplastik. Beide, Glasmalerei und Bauplastik, hatten sodann 
noch ein Zweites zu leisten, das eine alte Forderung War. Die Kirche 
verlangte von der Kunst von jeher, wie wir wissen, und jetzt nicht 
weniger als zuvor, die Darstellung eines ungeheuren religiös-lehrhaften 
Stoffes. Diesen mitzuteilen in der Entwicklung breiter epischer und 
didaktischer Gedankenreihen, war bis dahin das Vorzugsrecht der Wand- 
malerei gewesen. Ihre Erbschaft wurde nun unter die Glasmalerei und. 
Bauplastik geteilt. Sodann hat auch die freie Malerei und freie Plastik 
von dem im I3. Jahrhundert Errungenen sich nicht völlig verdrängen 
lassen. In dem jetzt schnell an Umfang zunehmenden Schmuck des 
Altars fanden sie einen Platz, auf den sie ausweichen konnten. Hier- 
rüsteten sie sich in langsamer Selbstbesinnung und Kraftübung zu der 
Rolle, die ihnen für den Ausgang des Mittelalters vorbehalten war. 
Wandmalerei. 
Warum durch den Sieg des gotischen Stils in der Baukunst, trotz 
der starken lrnonumentalen Aspiration dieser Zeit, die Wandmalerei 
vom ersten Platz unter den Gattungen der Malerei auf den letzten 
zurüekgedrängt, ja dem Aussterben nahe gebracht wurde, ist leicht
        

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