Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3223193
38 Viertes Büch erstes Kapitel. 
 
zeichnungen) bündig erwiesen. Im heutigen Uhrgeschoß erkennt man den 
Bruch mit dem alten Entwurf, das Einsetzen des neuen, deutlich genug, 
wenn auch die Tabernakel der Strebepfeiler und die umlaufende Brüstung 
die Aufmerksamkeit geschickt davon ablenken. Das in überaus kühner 
Konstruktion in acht freistehenden, nur oben durch die Fensterbögen ver- 
spannten Pfeilern aufsteigende Oktogon ist nicht, wie der Unterbau, ge- 
schichtet, sondern als einziges" Geschoß gedacht "F, jedoch differenziert 
durch die an den Diagonalseiten sich aufrankenden Ecktürmchen. Mit 
ihrer Hilfe ist für jeden wechselnden Standpunkt des Beschauers eine 
leicht sich verändernde, aber immer in ungebrochenem Fluß bleibende 
Umrißlinie gewonnen, wie sie seitdem das Ideal des gotischen Turmbaus 
blieb. Die den oberen Abschluß überschneidenden Fensterwimperge und 
Fialen unnkränzen schon den Fuß des Helms. Dieser ist in der Geschichte 
der Gotik das erste vollkommen durchbrochene Steindach  die kühnste 
Unabhängigkeitserklärung der sich selbst das Gesetz gebenden Kunstform 
vom Gebrauchszweck. Ein Dach, durch das überall das Himmelsblau 
durchscheint, ist kein Dach mehr. Das wirkliche Dach liegt schon 
am Fuße des Oktogons. Ein Gewölbe als Krönung desselben hätte nur 
einen schädlichen Seitenschub ausgeübt. Jetzt ist es vornehmlich die 
senkrechte Belastung durch den Helm, die die Pfeiler des Oktogons standfest 
macht.  Ein Datum für den Beginn der Tätigkeit des zweiten Meisters 
ist nicht überliefert. Gewisse Details deuten darauf, daß die Ausführung 
um 1330 noch in vollem Gange war. Die früher beliebte Hypothese, daß 
Erwin von Straßburg den Entwurf geliefert habe, ist abzuweisen, wenn 
es auch richtig ist, daß in dem Straßburger Riß B einige Ideen des Frei- 
burger Turms vorausklingen.  Außerdem besitzt Freiburg eineBettel- 
ordenskirche (Abb. 62) von sehr charakteristischer Behandlung des Raumes 
und der flachen (in heutiger Gestalt neuen) Decken, wie auch im Elsaß 
und_ in Basel Barfüßer und Prediger durch stattliche Bauten vertreten 
waren und zum Teil noch sind (Gebweiler, Colmar, Hagenau). 
Die Pfalz, der Mittelrhein und Hessen.  Der links- 
rheinische Teil der Diözesen Speier und Worms ist an gotischen 
Bauten verhältnismäßig arm. Die alten Bischofsstädte selbst hatten 
ein Recht auf ihren in der romanischen Epoche erworbenen Lorbeeren 
zu ruhen und machten davon Gebrauch. Was die Hochgotik hier 
geschaffen hat, ist nicht viel und ohne allgemeinen Belang. Die Lieb- 
frauenkirche in Worms ist ein schulgerecht nüchternes Bauwerk, das 
Beste an ihr ist die doppeltürmige Fassade. Die feinste gotische Kirche 
der Pfalz möchte die Stiftskirche zu Kaiserslautern sein, merkwürdiger- 
weise eine Hallenkirche. Ebenso die Kirche in Meisenheim, die den 
höchsten und reichsten Turm der linksrheinischen Lande besitzt.  Mainz 
unten 
Wächterstube ist ein jüngerer 
eingebaute 
Zusatz.
        

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