Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3226212
 
340  Sechstes Buch zweites Kapitel.   
stellenden Gliedern (wie beispielsweise an den Fassaden von Braunschweig, 
Stralsund, Tangermünde) hört auf. Das Gebäude wird ein geschlossener 
Block mit lässig verteilten Fenstereinschnitten. Die Gliederungider Fas- 
sade vollziehtsich aber nicht in einer Ebene, sondern es springen kleine, 
indes durch ihre Behandlung stark in die Augen fallende Bauteile aus ihr 
vor: Freitreppen und Treppentürme, Erker und Erkertürme. Und über 
dem Rumpf erhebt sich in größerer Bedeutsamkeit als vorher und durch 
Luken und Zwerchhäuser lebhaft gegliedert das Dach. Der Gegensatz der 
Spätgotik gegen die echte Gotik, wie wir ihn im vorigen Buch am Kirchen- 
bau entwickelten, tritt hier in einem Hauptpunkt noch prägnanter an den 
Tag: anstatt Gliederung nach Kraftlinien Gruppierung kubischer Massen. 
Weshalb die Breitseite des Gebäudes als Hauptfront bevorzugt wurde, 
ist unter diesen Voraussetzungen leicht zu verstehen. Bemerken wir noch: 
eine gotische Rathausfassade wird am besten frontal und in Linien- 
zeichnung dargestellt, eine spätgotische will schräg gesehen sein und 
erhält erst durch Licht und Schatten ihre volle Bedeutung. Ungern ver- 
zichten wir auf die Analyse der in ziemlicher Zahl erhaltenen Denkmäler. 
als als 
Sls 
Der Flor der Städte im späten Mittelalter (das in dieser Hinsicht 
bis zum Dreißigjährigen Kriege zu rechnen ist) könnte nicht besser 
illustriert werden als durch eine alle-Gattungen zusammenfassende Sta- 
tistik ihrer öffentlich-rechtlichen Bautätigkeit; nicht auf Freiheit 
im Sinne des modernen Liberalismus, nicht auf einem sich selbst über- 
lassenen Spiel der Kräfte; sondern auf einer planvollen und unmittel- 
baren, hier abwehrenden, dort anregenden, höchst mannigfaltige Gebiete 
ergreifenden Fürsorgepolitik beruhte dieser Flor. Eine solche Statistik zu 
geben ist nun nicht Sache der Kunstgeschichte. Teilnahmlos bleibt diese 
hier nicht. In keiner Weise wollen diese Bauten verbergen, daß sie Nutz- 
bauten sind, und doch sind auch sie von einem echten künstlerischen 
Phantasieleben berührt, ihrer Grenzen sich wohl bewußt, origineller in 
ihrer gesunden Gestaltungskraft als manches in dem konventionellen 
Monumentalstil dieser Zeiten. Besonders für die Heranbildung des spät- 
gotischen, dem gotischen abgewandten Architekturgefühls waren sie ein 
wichtiges Übungsfeld. Die Summe der erhaltenen Denkmäler ist "nicht 
ganz klein, doch zu einer systematischen Darstellung nicht ausreichend, 
denn jede der vielen Sondergattungen ist nur durch wenige Beispiele, und 
manche sind gar nicht mehr vertreten. So fehlen heute z. B. die in der 
Regel mit ausgezeichneter Sorgfalt behandelten Münzgebäude  auch 
4' Gerühmt werden die in Worms von 1410, zerstört durch die Franzosen 1689; in 
Braunschweig frühgotisch  abgebrochen 1723; in Straßburg 1457, abgebrochen 1738. 
Zum Vergleich diene das glänzende Münzgebäude in Vic (Lothringen).
        

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