Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3226194
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338  Sechstes Buch zweites Kapitel. 
ausgedehnte Kellerei für den in Lübeck für den ganzen Norden konzentrierten Weinhandel. 
In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde der Hof geschlossen und dem nunmehr 
dreiteiligen Gebäude eine höchst merkwürdige Fassade vorgesetzt, eine kolossale Schmuck- 
wand, die sich von dem Querschnitt des hinter ihr liegenden Raumes unabhängig macht, 
frei in die Luft aufsteht und wagerecht abschließt (im Prinzip ähnlich wie die Fassade der 
Klosterkirche Chorin); nur die zwei großen, das Blau des Himmels durchlassenden Kreis- 
öifnungen verraten die Einsenkungen zwischen den hinter der Wand liegenden Sattel- 
dächern. Die Gliederung wird durch wenige, aber ganz mächtige Motive bewirkt. Die Zu- 
deckung der unteren Teile ist fatal, der düster grandiose Charakter der oberen wird aber 
durch den Kontrast mit der verhältnismäßig kleinlichen Geschmücktheit des Renaissance- 
vorbaus noch schärfer herausgetrieben.  Im Jahre 1308 wurde, im rechten Winkel an- 
stoßend, ein neuer Flügel hinzugefügt. Ein richtiger Takt ließ ihn in der Masse sich unter- 
ordnen. ImObergeschoß ein einziger großer Festsaal (aDanzelhus e) mit breiten F lachbogen- 
fenstern; das untere, in dem die Stadtwage stand, in eine allseitig offene Bogenhalle auf- 
gelöst. 1442 kam die zweite Verlängerung hinzu (Abbildung rechts). Trotz ihrer in die 
Tiefe gestreckten Satteldächer gibt auch sie keine Giebelfassade, sondern schließt, konform 
dem ältesten Teil, mit einer wagerechten Maskierungsmauer. Die Behandlung ist um 
einiges lebhafter und heiterer, aber noch in keiner Weise vspätgotischa (wie ja auch das 
noch jüngere Holstentor es nicht ist). Der Farbenakkord ist tief und streng, schwarz-rot 
mit sehr wenig Weiß.  Das Lübecker Motiv wanderte an der Ostsee weiter. Ganz herrlich 
und von geistreicher Selbständigkeit ist die Variante in Stralsund (Abb. 603). Ähnlich 
die in Rostock; doch hat hier das 18. Jahrhundert den mittelalterlichen Grund durch 
Vorbauten unsichtbar zu machen sich bemüht. Wismar hat sein altes, vermutlich sehr 
bedeutendes Rathaus verloren. Ebenso Hamburg. In Bremen ist der Bau des 14. 
Jahrhunderts durch eine (zwar glänzende) Überarbeitung des 16. Jahrhunderts gründlich 
verändert. Dagegen ist das von Lüneburg wegen seiner Größe und seiner gut erhaltenen 
Innenräume mit Recht berühmt. Die gediegenen Backsteinfassadcn von Hannover und 
Salzwedel (Abb. 601) bedürfen keiner Erläuterung. Die Rathäuser der Altrnark und der 
Mark Brandenburg sind, wie es bei landesherrlichen Städten nicht anders zu erwarten ist, 
von geringerem "Umfang, einige von blendender Prächtigkeit; Frankfurt a. O., 
Königsberg 1. N. und Tangermünde obenan zu nennen (Abb. 604). Die Motive sind 
dem Kirchenbau dieser Gegenden entlehnt und stehen in dem profanen Rahmen fast noch 
besser.  In den Ostmarken ist die Zahl geringer, aber es befinden sich darunter zwei 
der großartigsten, die Deutschland besitzt. Das zu Thorn, begonnen am Ende des 
14. Jahrhunderts mit Benutzung älterer Teile, ist trotz der Zusätze des 17. Jahrhunderts 
und späterer Vernachlässigung noch immer in hohem Maße imposant, mehr einer Ordens- 
burg als den Rathäusern des Westens ähnlich. Als noch nicht die unruhigen, maskierten 
Fenster der Neuzeit eingebrochen waren, muß das Unisono der hohen Wandblenden noch 
großartiger geklungen haben.  Nichts kann im Eindruck davon verschiedener sein als 
das Rathaus von Breslau Ein anderer Menschenschlag, ein anderes Jahrhundert. 
Ein großer Bürger- und Kaufhaussaal, im Jahre 1299 genannt, wurde im letzten Viertel 
des 15. Jahrhunderts in ähnlicher Weise wie in Ulm ummantelt, doch mit glück- 
licherem Erfolge. Maßvoll ausgenutzte Asyrnmetrien geben der reichgegliederten Anlage, 
in welcher große und kleine Giebel, Erker und Türme, Backsteinflächen und Hausteinver- 
zierungen miteinander wechseln, etwas ungemein. Lebendiges und Heiter-Prächtiges. In 
den Verschiebuhgen des Bildes bei wechselndem Standpunkt spielt der keck an die 
äußerste Ecke gepflanzte Turm eine besondere Rolle.  Ein Turm ist im allgemeinen kein 
Attribut des Rathauses. Im Nordosten hat man ihn aber gern gehabt: in Schlesien kommt 
er mehrmals vor, dann in Thorn, in Danzig, in Reval. Das Rathaus von Reval darf als 
kraftvolles Zeugnis kolonialer Kunst des 14. Jahrhunderts Beachtung beanspruchen. Die
        

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