Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3225966
 Die Stadt.  315 
aut dem Gange der Stadtmauer herumzuspazieren. Gärten, Höfe, Hinter- 
gebäude ziehen sich bis an den Zwinger heran; man sieht mehrere tausend 
Menschen in ihren häuslichen, kleinen, abgeschlossenen, verborgenen Zu- 
ständen. Von dem Putz- und Schaugarten des Reichen zu den Obstgärten 
des für seinen Nutzen besorgten Bürgers, von da zu Fabriken, Bleich- 
plätzen und ähnlichen Anstalten, ja bis zum Gottesacker selbst  denn 
eine kleine Welt lag innerhalb des Bezirks der Stadt  ging man an dem 
mannigfaltigsten, wunderlichsten, mit jedem Schritt sich verändernden 
Schauspiel vorbeimt  
Eine köstliche Eigenschaft der alten deutschen Städte ist ihre physio- 
gnomische Mannigfaltigkeit. Eine jede ist sozusagen eine volle Per- 
sijnlichkeit. Und nicht nur in dem Sinne, daß jedes Stadtbild im ganzen 
sich von jedem andern unterscheidet, sondern auch so, daß der Orts- 
genius jedem einzelnen Gebäude seinen besonderen Stempel aufdrückt, 
weshalb man unmöglich etwa ein Ulmer Haus" nach Frankfurt, ein Frank- 
furter nach Lübeck versetzen könnte, ohne daß sie sich sofort als Fremd- 
körper bemerklich machen würden. Ein anderer Vorzug vor der neuzeit- 
lichen Stadt ist der Reichtum des einzelnen Straßenbildes. Er hat zwei 
Ursachen. Die eine hängt in der Tat mit der Unregelmäßigkeit des Planes 
zusammen. Wenn das Straßenbild eine Menge wechselnder Eindrücke 
vereinigt, also reich wirkt, so geschieht das, ohne daß das einzelne Haus 
für sich reich behandelt zu sein brauchte. Es ergibt sich allein schon 
dadurch, daß auf dem wechselnd in der Breite an- und abschwellenden, 
die Richtung umbiegenden oder sich gabelnden Straßengrundriß jedes 
Haus eine andere Stellung zur Blicklinie einnimmt. Bildet die moder- 
ne Straße eine abstrakte, abgeschnittene Sonderexistenz, so zeigt die 
mittelalterliche einen lebendigen, kontrastreichen und doch zu- 
sammenhängenden F luß. Wir stimmen heute dem I8. Jahrhundert nicht 
mehr zu, dem wder Druck von Giebeln und Dächernrr und vder Straßen 
quetschende Enger ein Greuel geworden war; ebenso einseitig wäre es 
aber auch, die unregelmäßigen Pläne als ein absolutes Ideal zu verehren. 
Sie werden reizvoll erst in der Verbindung mit der spätgotischen Bauart 
der Htäuser; die schmalen steilen Fronten und der enge Querschnitt des 
lichten Straßenraumes gehören ebenso zusammen, wie die schmalen joche 
und der in die Höhe getriebene Querschnitt einer gotischen Kirche) Eine 
Häuserreihe mit spitzen gotischen Giebeln erzeugt eine lebendig fort- 
laufende Bewegung, eine moderne Straße mit horizontalen, aber ungleich 
hohen Häuserabschlüssen bewirkt nur sprunghafte Unruhe. Dortwerderl 
die Häuser durch die Straße zusammengeklammert und haben ihren Wert 
in ihr; hier ist jedes einzelne nur für sich genießbar. Und das Resultat von 
alledem ist ein eigentümlich paradoxes: die moderne Straße, in der jeder 
Bauherr rücksichtslos individualistisch vorgeht, wirkt in der Summer
        

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