Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3225082
 Das 15. Jahrhundert in der darstellenden Kunst. 227 
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vdünnen, wie Spinnenbeine auseinandergehenden, wählig und gierig 
greifenden Fingern und den kahlen, im Astwerk mit liebevoller Ein-- 
idringlichkeit gezeichneten _Bäumen, wie Schongauer sie liebt, ein 
genauer Zusammenhang des Stilgefühls vorhanden ist. Eine so heiß 
um Ausdruck bemühte Kunstweise kann sich von Manierismus nicht 
frei halten. Wenigstens dem sich objektiv fühlenden Naturalismus muß 
sie als das erscheinen. Aber ohne diesen Zusatz hätte Schongauer die 
-_Herzen seiner Zeitgenossen nicht so gewinnen können.  
Die Versuchung des hl. Einsiedlers Antonius (Abb. 492). 
Die höllischen Plagegeister wollenden heiligen Mann, indem sie ihn hoch 
in die Luft heben, zur Abschwörung seines Gottes nötigen. Dieses früh 
berühmt gewordene Blatt  es ist dasjenige, das der junge Michelangelo 
kopierte  entspricht i'm Grunde nicht eigentlich Schongauers Naturell 
(wie W. v. Seidlitz richtig bemerkt). Das Spukhafte, Gruselige, wild 
Humoristische, das wenig später ein Hieronymus Bosch in die Szene zu 
legen vermochte, ist nicht ganz herausgekommen; dazu ist Schongauer 
"viel zu naturwissenschaftlich gründlich geworden in seiner Darstellung 
 dieser aus den Fetzen aller Tierreiche zusammengeiiicktenScheusäler; und 
-dem Heiligen sieht man kaum die Todesangst an. Woran man sich nicht 
satt sieht, das ist der ornamentale Geschmack und die stecherische  
Kunst.  Die Passionsfolge (Abb. 483 ff., I2 Blatt). Mit diesem Werk 
hat er auf seine Zeitgenossen den tiefsten Eindruck gemacht, sie wurde 
(ein unvergängliches Eigentum auch der machfolgenden Generationen. 
Eine Meredlung der Passionsdarstellung tat auch sehr not. Die Emp- 
sfindung des I5. Jahrhunderts war durch die Wirklichkeit einer barbarisch 
grausamen Justiz stark abgebrüht und durch die geistliche Bühne an 
ein Überwuchern des Burlesken gewöhnt  Einwirkungen, die auch in_ 
die bildende Kunst hinüberspielten. Die triviale Masse der Passions- 
ibilder seit dem Aufkommen des Realismus wirkt trotz der angewendeten 
"starken Mittel stumpf. Schongauer weiß unvergleichlich tiefer und un- 
rvergleichlich edler zu erregen. Die äußere Dramatik ist wahrlich stark 
genug, doch stärker die Erschütterung durch die Sichtbarmachung der 
Passion der Seele. Erfüllt von der Würde des hohen Historienbildes, 
geht der Meister mit allem) Beiwerk äußerst sparsam um; selbst in einer 
Szene wie der Auferstehung, wo andere niederländisch Geschulte (auch 
er war einer) die landschaftliche Stimmung zur Mitwirkung heran- 
ziehen, verzichtet er auf sie. Die? Zahl der Figuren ist bei ihm nicht 
groß, und doch istidie Komposition reich, indem eine neue Beweglichkeit 
hder Körper eine Schiebung in die Tiefe und kunstvolle Gruppierung  
möglich macht, wie sie noch nicht gesehen worden waren. _Die Kreuz- 
tragung: wesentlich nur drei Figuren; wie fühlen wir dochj zugleich die 
sich stoßende, drängende, nachquellende Menge. DieiNacht am Ölberg 
     I5?
        

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