Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3225071
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226 Fünftes _Buch zweites Kapitel. 
nutzer klarsten, der frontalen Ansicht geben, dafür wird ihm die Kette 
mit ihrem Gleiten und Kriechen fast ein lebendes Wesen. Aus der 
Musterzeichnung ist ein Stilleben geworden. So hat er auch ein paar 
Szenen aus dem täglichen!" Leben gezeichnet  eine Bauernfamilie, die 
zum Markt reitet, einen Bauern, der seinen Esel zur Mühle treibt, ein 
paar sich prügelnde Lehrbuben  rein als Lebensmomente, ohne jegliche 
sonstige Bedeutsamkeit. Das sind aber nur Nebenwerke seiner Maler- 
laune. Neun Zehntel seines Kupferstichwerks sind religiösen Inhalts. 
In ihnen blüht ein Gemütsreichtum auf, wie ihn die deutsche Kunst des 
letzten Menschenalters nicht gekannt hatte. Mit der trockenen, teilnahm- 
losen Wiedergabe des oberilächlichen Scheins der Dinge, die hier geherrscht 
hatte, konnte er sich nicht mehr zufrieden geben. Er sucht den Sinn 
des Lebens tiefer und findet ihn im streitenden Nebeneinander des 
Schönen und des Häßlichen, die ihm zugleich Symbole des Guten und 
des Bösen sind. Schönheit ist ihm nicht eine allgemeine Wesenseigen- 
schaft des Lebendigen; sie bleibt ihm ein Vorrecht des Heiligen und sittlich 
Guten, dem er die Häßlichkeit der anderen, grotesk gesteigert, entgegen- 
hält. Ein Mittleres kennt er nicht. Es ist die Psychologie eines kindlich 
unschuldigen Sinnes, wie denn überhaupt seine Kunst durch ihre Mischung 
von Befangenheit und Enthusiasmus etwas auggesprochen jugendliches 
hat. Wenn in seinem Werke die Passion Christi einen so großen Raum 
einnimmt, so. folgt er damit dem religiösen Zuge seiner Zeit; es hängt 
aber auch mit der moralischen Begründung seines Schönheitsideals zu- 
sammen, das eine kontrastierende Folie nötig hat. Zu beachten ist in 
seinen späteren Blättern die Abklärung: er erreicht in ihnen ein Eben- 
maß, eine Wohlbildung und natürliche Anmut, wie sie bis dahin der 
oberdeutschen Kunst sehr fremd gewesen waren, so daß man in ihm 
geradezu einen Bahnbrecher auf die nahe bevorstehende Renaissance 
hat sehen wollen. Das muß freilich sehr cum grano salis verstanden 
werden. Klassisch gerichtet ist seine Idealität nicht. Er _ist durchaus 
Spätgotikeiynur ein feinerer. Nach dem Großen und Starken strebt 
er nicht, und das Feine bewegt sich bei ihm (wie Wölfllin mit treffender 
Einschränkung bemerkt) an jener äußersten Grenze, wo es an das ge- 
künstelt Überfeine rührt. Sein Christuskopf ist ausgesprochenunmännlich, 
allerdings von einer unerreichten Seelenschönheit. Er hat damit, dank 
der weiten Verbreitung seiner Stiche, noch stärker und ebenso veredelnd 
auf die Anschauungender Zeitgenossen eingewirkt, wie für die plastische 
Fassung Niklaus von Leiden durch das Baden-Badener Kruzifix. Seine 
Körperbildung ist schmächtig, Heischarm, in den nackten Teilen die 
Muskeln überscharf, Knie und Knöchel hart herausspringend, die nackten 
Füße bei auffallend genauer Zeichnung gemein, die Hände übertrieben 
klein. Man muß es herausfühlen können, _daß zwischen diesen langen,
        

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