Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3224969
Das 15. Jahrhundert in der darstellenden Kunst. 215 
nieder- 
aussehenden Stil, wennschon er mit den Gemeingut gewordenen 
ländischen Erwerbungen nicht unbekannt war (Abb. 461). 
Alles in allem würde das dritte Quartal des I4. Jahrhunderts etwas 
ärmlich aussehen, wenn die Tafelmalerei alles wäre, was die Zeit zu 
bieten hatte. Es gibt aber noch zwei andere Gattungen, öl i junge Kunst 
des Kupferstichs und die nach Verjüngung strebende 1111- der Glas- 
malerei, die beide höhere und vor allem auch selbständig n" Leistungen 
aufzuweisen haben. 
Die Glasmalerei und der Kupferstich belehren uns darüber, daß 
niederländische Vorbilder unmittelbar nur von den Tafelmalern auf- 
gesucht worden sind und zunächst wohl am meisten wegen der neuen, 
glänzenden Technik, woraus dann freilich weitergehende Folgen sich 
ergaben. Wenn auch die Bildhauerkunst "Oberdeutschlands mit der 
niederländischen in Berührung kam, so gründete sich das fast auf eine 
einzige Personäden Einwanderer Niklaus von Leiden, der 1462 in Trier, 
1463 in Straßburg auftauchte, später in Konstanz, zuletzt in Wien tätig 
war. Er war ein Künstler von hohen Gaben und sehr bestimmtem 
Wollen; wo er erschien, gingen starke Anregungen von ihm aus. Was er 
aus seiner Heimat. als Mitgift mitbrachte, ist nicht bestimmbar, da sich 
von nordniederländischer Bildhauerkunst fast nichts erhalten hat." Wäre 
nicht durch seinen Namen die niederländische Herkunft beglaubigt, so 
würde man aus seiner Kunstweise heraus wohl nie den Argwohn ge- 
wonnen haben, daß er kein Deutscher sei. In Trier hat er die Grabfigur 
des Erzbischofs Jakob von Sierck gearbeitet. Aus dem Straßburger 
Aufenthalt, so kurz er war, haben sich drei Werke erhalten: das Votiv- 
relief des Domherrn Konrad von Busang im Münster von 1464, zwei 
Büsten aus dem im 18. jahrhundert abgetragenen alten Rathaus und 
das überlebensgroße Steinkruzifix bei der Spitalkirche in Baden-Baden, 
bezeichnet mit dem vollen Namen und der Jahreszahl 1467 (Abb. 290). 
In allen diesen Werken waltet ein so sicheres, unbefangenes und starkes 
Lebensgefühl, wie es der noch immer durch Kompromisse sich hindurch- 
tastende deutsche Naturalismus bis dahin nicht erreicht hatte, dazu eine 
unerhörte Meisterschaft der Meißelführung. Bei der Grabfigur ist das be- 
herrschende Thema die Draperie ; in derselben sind die ornamentalen Be- 
lange zum Schweigen gekommen, der ganze prachtvolle Aufbau von Höhen 
und Tiefen, von Lichtern und Schatten ist so angelegt, wie er in der Wirk- 
lichkeit möglich wäre. Auf dem Straßburger Relief sind sich die Halb- 
1' Eine merkwürdige Enklave bildet das halbe Dutzend von Altären in und um 
Schwäbisch-Hall aus den 60er und 70er jahren, ganz niederländisch in der Komposi- 
tion, aber schwäbisch in der Einzelform. Ihr künstlerischer Werfist mittleren Ranges, 
und weiteren Einfluß haben sie nicht geübt. 
        

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