Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222959
Erstes 
Kapitel. 
Die 
Baukunst 
VOfl 
1250 
bis 
1400. 
Das 
System. 
Die Geschichte der gotischen Baukunst gliedert sich von selbst in. drei 
Perioden: die Zeit der Rezeption, bis 1250; die Zeit der Vollendung und 
unbedingten Herrschaft des gotischen Stilbewußtseins, von 1250-1400; 
die Zeit der sonderdeutschen Umbildung, von 1400 bis zum Zusammen- 
stoß mit der Renaissance im 16. Jahrhundert. 
Diese drei Perioden decken sich annähernd, aber nicht genau, mit der von der 
spekulativen Ästhetik nach den drei Kategorien der Entfaltung, Vollendung und Auf- 
lösung gebildeten Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätgotik. Wie sie von der Praxis 
auf die deutsche Gotik angewendet wird, entbehrt sie der inneren Folgerichtigkeit und 
stützt "sich nicht einmal auf konventionell gesicherte Kennzeichen; sie übersieht.-daß der 
logische Ablauf durch rein geschichtliche Vorgänge durchkreuzt und modifiziert wird. 
Die Spätgotik ist nicht einfach Verfall, sondern mit diesem verbinden sich sehr positive 
neue Gedanken; und was man herkömmlich Frühgotik nennt, ist vielfach (wie z. B. die 
Architektur des Straßburger Münsters und Kölner Doms) mit Elementen durchsetzt, die 
von der französischen Hochgotik abgeleitet sind, die das System in seiner letzten Voll- 
endung zeigen. Darauf kommt es aber am meisten an, auf das System, nicht auf die 
Schmuckformen.  
NVir haben im vorigen Buch die dritte Stufe der Rezeption, obschon 
sie begrifflich dorthin gehört, nur kurz und vorläufig besprechen können, 
weil nämlich ihre maßgebenden Bauten der Zeit nach zwar noch innerhalb 
dieser konzipiert, aber erst diesseits, in der zweiten Hälfte des I3. Jahr- 
hunderts; ausgeführt sind, weshalb sie im geschichtlichen Bilde unserer 
Epoche ihren Platz einzunehmen haben. Das Entscheidende für die dritte 
Rezeptionsstufe war, daß die französische Formulierung zum Universalstil 
sich erweiterte. Zugleich bestand der Wille, mit Frankreich in der höchsten 
und reichsten Fassung des gotischen Gedankens, im Kathedralentypus, in 
Wetteiferzu treten. Daß es kein kraftloser Ehrgeiz war, beweisen die 
Dome von Straßburg und Köln. Indessen nur auf eine kurze Zeitspanne 
konnte sich die hohe Gesinnung behaupten. Wi-r wissen es ja: die Ein- 
bürgerung der Gotik in Deutschland erfolgte in einer Zeit sinkender Krait 
unseres allgemeinen Lebens. Sie war nur  möglich unter der Be-
        

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