Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3224726
Das 15. Jahrhundert in der darstellenden Kunst. 
Seinen Eintluß genauer zu begrenzen sind wir heute noch nicht imstande; 
mindestens Spuren desselben lassen sich in Niederdeutschland bis an 
die Elbe vielfältig finden, und wie neu er bei seinem ersten Auftreten 
gewirkt haben muß, erkennt man daraus, daß viele westfälische Bilder, 
die jünger sind als die seinen, doch auf einer älteren Stufe stehen; wo sie 
italienische Züge aufweisen, sind diese stets von Konrad entlehnt. 
Niedersachsen 
und 
Ostseeländer. 
Diese Gebiete sind wenig erforscht, im allgemeinen hält man sie auch 
für wenig erforschenswert. Es ist noch nicht lange her, so galt Nord- 
deutschland in den darstellenden Künsten für ein weites Ödland mit 
wenigen, auch nur mäßig fruchtbaren Oasen. Das ist, wie sich mehr und 
mehr herausstellt, eine Übertreibung; aber doch liegt ihr etwas Wahres 
zugrunde. Daß in diesen spät gewonnenen, locker besiedelten Rand- 
gebieten die Bedingungen für die Kunst ungünstiger lagen als in Alt- 
deutschland, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Vergegen- 
wärtigen wir uns sodann die führende Stellung, die in der Hochgotik die 
Bildhauerkunst hatte, so ermessen wir, was es bedeutete, daß die Natur 
diesen Gegenden den Stein fast durchweg versagt hatte. Die Architektur 
für sich hatteim Backstein einen Ausweg gefrfnden. Der Plastik war er un- 
gangbar; diese bekam erst Luft durch die Ausbreitung des geschnitzten 
Flügelaltars, der schon" im späteren 14. Jahrhundert in jenen Land- 
schaften allgemeiner Brauch war, während Oberdeutschland noch nicht 
an ihn dachte. Dieser Entwicklungsvorsprung fand aber früh seine 
Grenze. Die norddeutsche Holzschnitzkunst, die keine Monumental- 
plastik zum Hintergrund hatte, kam über das Handwerkliche nicht oft hin- 
aus. Aber die Menge desvon ihr Geschaffenen war groß.Wenn man zu schätzen 
versucht, was in den anderthalb Jahrhunderten von der Spätzeit des 
14. bis zur Frühzeit des I6. allein in Lübecker Werkstätten gearbeitet 
worden ist und außer den deutschen Nachbarlandschaften zumal über 
Dänemark, Schweden, Finnland und Livland sich ausbreitete, und was 
die späteren Zeiten pietätvoller als anderswo in Bewahrung gehalten 
haben  man beachte, daß z. B. Reval heute mehr spätgotische Schnitz- 
altäre in seinen Kirchenbesitzt als Straßburg, Rostock mehr als Ulm  
so erweist sich, daß von einer Unterlegenheit der Kolonialländer gegen- 
über Altdeutschland hier gar nicht die Rede sein kann. Und nicht allein 
die Städte kommen in Betracht: die Landkirchen von Schleswig-Holstein, 
Mecklenburg, Pommern und Brandenburg, ja selbst des preußischen 
Ordenslandes sind reicher ausgestattet, als man im übrigen Deutschland 
irgend ahnt ; sie gestatten anzunehmen, daß auch hier j ede nicht ganz ärmliche 
Dorfkirche die vorgeschriebene Zahlvon drei Altären erreicht hat. Die große
        

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