Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222465
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3223957
I I4  Viertes Buch zweites Kapitel. 
einflußreichste. Wahrscheinlich waren noch andere, über Avignon ein- 
gewanderte Italiener für den Kaiser tätig. Die aus solcher Mischung 
sich ergebenden Schattierungen genauer zu betrachten, wird für unsern 
Zweck nicht nötig sein. Ohne Frage wurde in der zweiten Hälfte des 
I4. Jahrhunderts in Böhmen mehrundbesser gemalt als in irgendeiner 
andern Landschaft des Deutschen Reichs, woraus aber noch nicht folgt, 
daß die böhmische Schule, wie manchmal gesagt worden ist, der Mittel- 
punkt der deutschen Malerei war. Wo im übrigen Deutschland, im 
Westen und selbst in Niederdeutschland, hie und da Bruchstücke italieni- 
scher, insbesondere sienesischer Kornpositionsmotive auftauchen, da sind 
sie mit "größerer Wahrscheinlichkeit auf einer der von Avignon aus sich 
verzweigenden Straßen angekommen. Tiefere Veränderungen im Gesicht 
der deutschen Malerei wurden durch sie nicht erzeugt. Daß diese Gaben 
Toskanas doch nicht verloren waren, sollte in der nächsten Generation, 
um die Jahrhundertwende, sichtbar werden.   
Gemalte Altartafeln aus der ersten Hälfte des I4. Jahrhunderts sind 
spärlich, etwas mehr aus der zweiten Hälfte erhalten.  Mängel der 
Technik sind nicht daran schuld, die Mehrzahl der auf uns gekommenen 
Stücke befindet sich sogar in vorzüglichem Erhaltungszustand. Der 
Hauptgrund, weshalb von der _Tafelmalerei des I4. Jahrhunderts so wenig 
übriggeblieben ist, ist die ungemessene Schaffenslust des I5. und I6. 
Bis zur Mitte des I4. Jahrhunderts herrscht reine Flächenzeichnung; der 
Wechsel von Licht und Schatten gibt nicht den Eindruck von Körperlich- 
keit, das Hintereinander der Figuren nicht den Eindruck von Raum- 
tiefe; wie in der gotischen Architektur ist auch in der gotischen Malerei 
die bewegte Linie das Ein und Alles. Ihr Ausdruckscharakter ist im 
Gotischen ein anderer als im Romanischen, aber das Darstellungsprinzip 
ist dasselbe, insbesondere auch in dem, was es nicht ist. Die Tafel aus 
Klosterneuburg bei Wien (Abb. 416), gemalt zwischen 1322-1329, gibt 
für jene Zeit schon ein Maximum von Raumvorstellung; man bemerkt, 
daß die Tiefe allein durch einige abstrakte Architekturlinien nicht sowohl 
anschaulich gemacht, als angedeutet wird. 50 "Jahre später ist Meister 
Bertram mit dem Altar der Petrikirche in Hamburg (Abb. 419) "F auf 
.dem Wege zu dem, was uns heute als natürliches Sehen erscheint, eine 
Strecke vorwärts gekommen; nicht Vl8l,' aber seiner Zeit mag es so er- 
schienen sein. Bedeutender als die positiven Errungenschaften, die vollere 
Rundung der Figuren und das steile Ansteigen des Erdbodens, das Ver- 
tiefung ausdrücken will, dünkt uns das Negative, die Auflösung der 
bisher geltenden Bildform. Kein Zusammenfassender Rhythmus, wie 
auf der Klosterneuburger Tafel. Der in erster Wandlung aufgeklappte 
x, In der Literatur bekannter als VaGrabower Altare, weil er irn 18. Jahrhundert an 
diese Mecklenburgische Stadt abgegeben war; heute wieder in Hamburg, in der Kunsthalle.
        

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