Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3219443
Zweites Buch erstes Kapitel. 
 
Minaret und den abendländischen Campanile. Die Zeit der Einwanderung 
in Italien liegt im Dunkeln, vor dem 7. Jahrhundert sind Glockentürme 
hier nicht bezeugt. Im fränkischen Reich waren sie sicher im 8. Jahr- 
hundert bekannt. Zubeachten ist, daß es sich hierbei immer nur um 
isolierte Glockentürme handelte, wie sie durch das ganze Mittelalter  
man denke beispielsweise an den Campanile von S. Marco in Venedig 
oder den des Doms von Florenz  und bis in die Renaissance unver- 
änderlich für die südeuropäische Kirchenarchitektur charakteristisch 
blieben. Von einem durchaus neuen Gedanken nun geht der Turmbau 
der germanischen Länder aus: er steht nicht neben der Kirche, sondern 
geht mit ihr eine körperliche Einheit ein. Durch den Gebrauchszweck, 
die Aufhängung der Glocken, war die Neuerung nicht gefordert; sie ist 
ein freier, selbstzwecklicher, eigentlichst künstlerischer Gedanke. Er 
entspringt demselben organischen Triebe, durch den zuvor der Grundriß 
seinen lebhaft bewegten Kontur empfangen hatte; er leitet gleichsam 
einen Überschuß an aktiver Bewegung ab, wirkt dem an die Erde fesseln- 
den System wagerechter Linien als Symbol freier Kraft entgegen. Selbst- 
verständlich meinen wir nicht etwa, daß es sich um eine bewußte Über- 
tragung des einen Prinzips auf das andere gehandelt habe, es war ein 
dunkles, nach und nach aber seiner Bedeutung wohl sich bewußt werden- 
des Gefühl. 
Die vielgliedrigen Turmgruppen haben ihre Heimat in West- und 
Norddeutschland; der stets konservative Süden beharrte lange beim ab- 
gesonderten Einzelturm. Die dem hohen und späten Mittelalter ge- 
läutigste Anordnung eines Turmpaares an der Fassade ist erst spät durch- 
gedrungen. Zwar hatte schon der Verfasser des St. Galler Risses diesem 
Gedanken sich genähert, doch ohne ihn bis zu seinem Ziel zu führen. 
Die wichtigste und künstlerisch sehr logische Fassung der Frühzeit ist 
der Vierungsturm. -Angeregt ist er wahrscheinlich durch den Zentralbau t. 
Alte Abbildungen zeigen sie in Köln und Fulda. Daß sie schon den 
karolingischen Urbauten eigen waren, läßt sich nicht beweisen, liegt 
aber durchaus im Bereich des Möglichen, da ein noch älterer west- 
fränkiseher Bau, die Klosterkirche Centula, über den Schnittpunkten 
der Querschiffe zweifellos Yierungstürme besaß. Unter den erhaltenen 
Denkmälern sind die ältesten Beispiele St. Pantaleon in Köln und 
St. Michael in Hildesheim (Abb. 163).  Eine zweite Gattung von 
Türmen sind die Treppentürme. 1m Gegensatze zu der breiten, 
vierseitigen Gestalt der Zentraltürme sind sie schlank zylindrisch 
und, was für die fortschreitende Entwicklung wichtig war, immer 
paarweise symmetrisch angeordnet. Zwei Rundtürme dieser Art. 
vielleicht noch aus dem Ende des 8. Jahrhunderts, standen in 
Nach 
Strzygowski 
auf kleinasiatische 
Vorbilder
        

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