Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3219339
 
Zweites Buch. 63 
 
Gefühl, ruhte die bildende Kunst. Nur standsie in noch bestimmterer 
Begrenzung im Dienste der Kirche. Die Anfänge einer weltlichen Kunst, 
die sich unter Karl gezeigt hatten, verkümmerten ; unter den Ottonen und 
Saliern gab es nur eine, die kirchliche. Eben in ihrer zwecklichen Ge- 
bundenheit lag anfänglich ihre einzige Stärke, vermöge deren sie selbst 
die tiefe Zerrüttung in der Zeit des Übergangs von der karolingischen zur 
ottonischen Epoche überstehen konnte. Nach strengster kirchlicher Auf- 
fassung war ja die Kunst überhaupt nicht für die Menschen da, sondern 
zuallererst eine Gott wohlgefällige Darbringung, ein erweiterter Gottes- 
dienst, Weihgeschenk, Opfergabe; dann in der Wirkung auf das Volk ein 
Vorrecht, ein Abzeichen höchster Würde, ähnlich wie der Priester im 
Moment der heiligen Handlung ein Prachtgewand anlegte, das so kein 
anderer Mensch trug. Wenn man meint, daß die Kirche die Kunst als 
Lehrmittel für das Volk habe benutzen wollen, so irrt man sich. Jenes 
vielberufene Wort des Papstes Gregor, das Bild in der Kirche ersetze für 
den des Lesens unkundigen gemeinen Mann die Schrift und sei deshalb 
zuzulassen, war im Hinblick auf noch halb antike Menschen gesprochen; 
für die Deutschen dieser Zeit eine ähnliche Wirkung erwarten zu wollen, 
so wenig seelenkundig war die Kirche nicht. Denn darüber werden wir 
uns nicht täuschen dürfen: die Sprache der Kunst war für die Massen 
noch unverständlich; genug, wenn auch nur ein Bruchteil der" Geistlich- 
keit die Bilder zu deuten oder von ihrem künstlerischen Wesen ergriffen 
zu werden vermochte. 
So war die Kirche nicht nur das Bestimmungsziel der Kunst, sondern 
auch ihre alleinige Hervorbringerin. Sie gab ihr den Inhalt, wie die Tra- 
dition der Form  für das Volk im ganzen bedeutete dies aber nichts 
Geringeres als eine Spaltung seines Phantasielebens. Erinnern wir uns 
nur, worauf die griechische Kunst sich aufgebaut hatte: Lied und Bild 
arbeiteten am selben Stoff, Homer und Phidias sind nicht voneinander 
zu trennen. Bei den Deutschen aber führte aus ihrer poetischen "Welt kein 
Weg zur Bildkunst. Wir wissen es ja doch, daß die Gestalten ihrer Götter 
und Helden nicht tot waren, daß sie, zwar von der Bildung verstoßen, im 
Volke noch fortlebten g aber zu körperlicher Deutlichkeit sich zu verdichten, 
blieb ihnen versagt. Die Kunst gehörte allein dem Christengott und seinem 
Gefolge; zugleich aber wurde gelehrt, daß es sich nicht um Abbilder einer 
sinnlichen Wirklichkeit, sondern um Sinnbilder eines Geistigen handle. 
Es standen sich also zwei Halbheiten gegenüber: auf der einen Seite ein 
Inhalt, der keine Form fand, auf der andern eine fertig ausgebildete, bis 
zur Starrheit feste Form, mit deren Inhalt das deutsche Denken nur 
langsam vertraut werden konnte. Es war sicherlich nicht der natur- 
gemäßeste Weg der Erziehung zur Kunst, auf den die Geschichte unser 
Volk führte. Nicht die Langsamkeit des Fortgangs setzt in Erstaunen, viel 
eher, daß schließlich das Werk doch gelang;  
        

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