Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3222109
340 Drittes Buch zweites Kapitel. 
geordnet, daß auf je drei Bogenöffnungen eine kommt, an der Haupt- 
zäsur des Raumes aber eine Gruppe von zweien; im ganzen acht Männer 
und vier Frauen, auch im Wechsel der Geschlechter ein feststehender 
Rhythmus. So entsteht ein gar vielstimmiger Zusammenklang der Linien, 
ein reicher, rhythmischer Wellenschlag, in dem die Statuen gleichsam 
die Schaumkämme sind. Das ist in neuer Anwendung noch immer das 
aus der deutsch-romanischen Architektur uns wohlbekannte Komposi- 
tionsgesetz. Wie anders wirken dekorativ die Naumburger Statuen, als 
die dichtgedrängten, unrhythmischen Reihen an den französischen Fas- 
saden, und Wieviel günstiger für die plastische Darstellung ist diese die 
Statuen isolierende Anordnung. Ist doch Isolierung das Lebensprinzip der 
Plastik. Hier wirkt dasselbe Gefühl, nur umfassender durchgeführt, das 
wir an der Goldenen Pforte in Freiberg kennengelernt haben, wo es uns 
eine Überlegenheit über alle französischen Portale zu bewirken schien. 
Freilich, auch in Deutschland hat das Problem der Vergesellschaftung 
von Statue mit architektonischen Gliedern niemals wieder eine ähnlich 
glückliche Lösung gefunden. Sie war auch nur so lange möglich, als ein 
romanisches, d. h. deutsches, Grundgefühl von den Regeln der französischen 
Gotik noch nicht zurückgedrängt war. Dann noch eine Einzelheit: die 
französischen Statuen sind mit der Säule verwachsen, die Naumburger 
stehen frei vor ihr. Wieviel günstiger dies für die Entfaltung des Stand- 
motivs ist, braucht nicht bewiesen zu werden. 
Was bedeutet nun, um uns der sachlichen Erklärung der Standbilder 
zuzuwenden, diese Versammlung von acht Männern und vier Frauen, die 
offenbar Heilige der christlichen Kirche nicht sind? Es sind die Stifter 
und Wohltäter des Doms, zur einen Hälfte aus dem erloschenen Geschlecht 
der Eckardiner, zur andern aus dem noch blühenden der Wettiner, dem 
der Bischof Dietrich, der Erbauer des Westchors, angehörte. Der Ahnen- 
kultus durch die Kunst war in der Gesinnung des 13. Jahrhunderts ein 
charakteristischer Zug. Regelmäßig nahm er die Form des posthumen 
Stiftergrabes an. Zuweilen wurden ganze Reihen von Grabmälern auf 
einmal errichtet; so die Äbtissinnengräber in Quedlinburg; so, nach einer 
freilich nicht ganz einwandfreien Überlieferung, die zehn Wettinergräber 
auf dem Petersberg bei. Halle. Wenn also nicht in der Idee, so doch 
in der Form, war die Naumburger Unternehmung etwas Neues und 
mußte den Zeitgenossen um so außerordentlicher" erscheinen, je fester 
seit langem die sachlichen Inhalte der kirchlichen Kunst sich fixiert 
hatten. Noch auffallender wurde das Heraustreten aus dem gewohnten 
Gleise durch die unumwunden der Zeit und Wirklichkeit entnommene 
Tracht. Noch nie hatte ein Auge an einem Bildwerk, Grabfiguren aus- 
genommen, etwas anderes gesehen als eine heratisch-konventionelle Ge- 
wandung, und an den Köpfen etwas anderes als Typen. Selbst in Bam- 
berg warder Reiter, obgleich in Zeittracht gegeben, zum heiligen Reiter,
        

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