Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3220658
 
 Das Kunstgewerbe. 195 
 
geradeaus erfüllt; aber die Kunstform, soweit sie unmittelbar aus der 
Ausdrucksbegabung und Veredlung der Zweckform hervorgeht, blieb 
unentwickelt. Das romanische Kunstgewerbe hat das Künstlerische 
offenbar nur in dem Schmuck gesucht. Hierbei sind zwei innerlich gänzlich 
verschiedene Arten der Wirkung zu unterscheiden. Die eine geht vom 
Material aus. Es wird an demselben zweifellos nicht bloß die Kostbarkeit 
beachtet, sondern auch sehr der elementare Reiz der Farbe, des Glanzes 
und sonstige stoffliche Eigenschaften von Gold, Elfenbein, Bergkristall 
und edlem Gestein. Allerdings auch die Kostbarkeit als solche. Die 
magische Anziehungskraft, die einst in der Völkerwanderungszeit diese 
aus fernen Ländern herbeigebrachten Edelstoffe, allen voran das rote 
Gold, auf Sinn und Phantasie der Deutschen geübt hatten, war noch immer 
mächtig. Aber die Kirche hatte es mit Weisheit verstanden, sie in ihre 
eigenen Gedankenkreise herüberzulenken. Diese Kostbarkeiten waren 
das volkstümlich verständlichste Symbol der von ihnen umhüllten heiligen 
Bedeutungswerte. Die Schatzkammer eines Klosters oder einer Dom- 
kirche war überdies eine lebendige Chronik, insofern an jedem Stück 
eine Erinnerung an seine Stifter haftete, und sie war ein wenig zugleich 
ein Museum, denn auch das Altertümliche und Fremdländische reizte. 
Denn es war die deutsche Art des Kunstgenusses, in diesen frühen Zeiten 
gewiß noch mehr als in späteren, in ihm immer zugleich eine zweite, 
nennen wir es poetische, Bedeutung zu finden. 
 Unmittelbar trat die kirchliche Symbolik in Wirkung in der reich- 
lichen Verwendung der menschlichen Gestalt als Dekorationsmittel. In 
Metall getriebenes oder gegossenes Relief, Schnitzerei in verschiedensten 
Stoffen, gravierte Zeichnung, Emailmalerei fanden hier ein weites und 
stark angebautes Feld. Eine feste Grenze gegen das, was wir heute freie 
Kunst nennen, ist gar nicht zu ziehen. Eher dürfte man sagen, das 
Kunsthandwerk gäbe eine mikrokosmische Zusammenfassung aller übri- 
gen Künste. Der Kirche kam es zuerst natürlich auf die inhaltliche Be- 
deutung an, die Darstellungist erläuternde Bilderschrift. Aber der 
künstlerische Trieb war lebendig genug, um auch hier, genau so wie in der 
Großkunst, Anordnungen zu erfinden, in denen selbständige und starke 
optisch-dekorative Reize sich entfalten konnten. Heute sind es diese 
fast allein, die auf uns Eindruck machen, und oft einen starken. Es gibt 
moderne Kunstliebhaber, die darin zu schwelgen vermögen. Aber sie 
werden sich erinnern .müssen, daß dies nicht das ursprünglich Gewollte 
war. In diesem haben sicher die vom Stoff angeregten Phantasieein- 
drücke und die dekorativen Augenreize eine vollkommene Einheit ge- 
bildet, die wir so leider nicht mehr nachzufühlen vermögen. Für den 
Historiker der Kunst haben diese kunstgewerblichen Gegenstände außer- 
dem eine vermehrte Bedeutung dadurch, daß der Grundcharakter der 
Dekoration an ihnen letztlich derselbe ist wie in der monumentalen Kunst; 
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