Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3220398
 
Sehnsucht und freudiger Begrüßung._ Dagegen nicht das leiseste Interesse 
an der Körperform als solcher. Der primitivste Grieche hatte es schon; 
aber wieviel mehr Seelenregung weiß der Deutsche sichtbar zu machen.  
Die Entdeckung der Schuld. Den modernen Betrachter mutet 
es einigermaßen komisch an, daß Gott (Vater und Sohn nicht unter- 
schieden), wie schon auf der vorigen Szene, von seinem durch die ikono- 
graphische Regel ihm vorgeschriebenen Buch nicht lassen kann. Für 
unseren Künstler ist es kein totes Attribut. Er denkt sich ganz lebendig 
in die Lage dessen hinein, der in diesem erregten Augenblick das Buch 
nicht fallen lassen darf: er preßt es an die Brust. Um so ungehemmter 
fährt der Zorn in den andern Arm, in den bohrenden Zeigefinger. Daß die 
Proportionen falsch sind, der Schwerpunkt verfehlt ist, ist Nebensache. 
Auf der andern Seite Adam unter der Last seines Schuldbewußtseins 
zusammengekrümmt, stumm. DagegenEva, hinter demBusch und dem 
Drachen verkrochen, den Blick dreist auf den zornigen Richter zukehrend 
und mit der Linken auf den Drachen zeigend: dieser sei schuld, nicht sie.  
Die Austreibung. Am Rande rechts die Pforte des Paradieses in einer 
prunkvollen Phantasiearchitektur. Adam schleicht sich als ein gebroche- 
ner Mann schleppenden Schrittes hinaus; Eva ist zurückgeblieben und 
wendet sich zum Engel um, um noch einmal mit ihm zu verhandeln. Man 
sieht: körperlich ist eine Differenzierung der beiden Geschlechter kaum 
versucht, wie schlagend aber ist über das Seelische die Meinung ausge- 
drückt!  
Wir können uns vorstellen. daß die Hildesheimer Türen auch auf den 
ungelehrten Laien Eindruck gemacht haben. Sie sind dem Jüngsten 
Gericht in Burgfelden und einigen Werken aus der späteren Zeit der 
Reichenauer Buchmalerei innerlich (nicht formal) verwandt. Wir begrüßen 
hier die Anfänge einer aus selbständigem Empfinden quellenden, zu volks- 
tümlicher Wirkung bereiten deutschen Kunst. 
Mit dem Namen Bernwards von Hildesheim wird ferner die eherne 
Christussäule des dortigen Domes (ehemals ebenfalls in St. Michael) 
verbunden (Abb. 406). Sie ist ohne die Basis und ohne die verlorenge- 
gangene Krönung 3,79 m hoch und 0,58 m stark. Auf einem fortlaufenden 
Spiralband sind 28 Szenen aus dem Leben Jesu, von der Taufe bis zum 
Einzug in Jerusalem, dargestellt. Vielleicht diente s-ie ursprünglich als 
Leuchter für die Osterkerze. Die in die Literatur eingedrungene Da- 
tierung auf das Jahr 1022 ist willkürlich. Die augenscheinlich vorliegende 
Nachahmung der Trajanssäule in Rom kann mit einigem Grund für die 
Entstehung unter Bernward geltend gemacht werden. xDabei aber muß 
betont werden, daß sie technisch und noch mehr künstlerisch von der 
Tür sich erheblich unterscheidet. Was der Tür am meisten fehlte, die 
künstlerische Tradition, ist reichlich vorhanden, dagegen die originale 
Kraft ist weit geringer. Ist sie unter Bernward entstanden, so müßte
        

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