Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3220105
 Zweites Buch drittes Kapitel. 
auch weil die Einzelheiten dem Miniaturisten zu schwierig wurden, ist 
die rechte Seite mit den Säuen (der Maler arbeitet von links nach rechts!) 
verkümmert und blieb es dann in den weiteren Wiederholungen. In 
diesem Falle ist also unbedingt nicht das Wandgemälde eine ver- 
größerte Miniatur, sondern der Wandmaler hat die bessere, ursprüng- 
lichere Tradition.  Zu demselben Ergebnis führt die Szene mit der 
Heilung des Aussätzigen. Ganz sicher ist die durch das Wandgemälde 
repräsentierte Fassung derjenigen der Miniatur (Münchener Kodex) 
vorausgegangen.  Man wird aber auch allgemeinhin für wahrschein- 
lich halten müssen, daß die Wandmalerei, als die schwierigere und 
verantwortungsvollere Gattung, den besten Kräften vorbehalten blieb, 
während in den Schreibstuben Gerechte und Ungerechte neben- 
einandersaßen, wirkliche geschulte Maler und Kalligraphen, die zur 
Not auch den Pinsel führen konnten, wie es eben kam.  Eine zweite 
allgemeine Erwägung geht dahin, daß die Wandmalerei als die öffent- 
liche unter den beiden Gattungen die größere Wirkung geübt hat. 
Kostbare Bücher kamen nur in wenige Hände. In einem voll besetzten 
Kloster haben sicher nicht einmal alle Mönche, unter denen viele, wie 
wir wissen, des Lesens unkundig waren, den Bücherschatz gekannt. Aber 
das Gemälde in der Kirche sah ein jeder von ihnen; vor allem sah auch 
das Volk sie. Sie waren das allein in Betracht kommende Mittel für 
die allmähliche Erlernung des Bildersehens, für das Weiterwachsen der 
Eindrücke in der Volksphantasie, aus der dann auf Umwegen wieder die 
Maler Nahrung und Richtung empfingen. Wechselwirkung zwischen 
Künstlerschaft und Publikum erzeugt zu allen Zeiten die einzig frucht- 
bare Atmosphäre für die Kunst.  Drittens war die Miniaturmalerei 
enger an bestimmte Textstellen und bestimmte Plätze im Buch ge- 
bunden. Die Wandmalerei mit ihrem größeren Maßstab fordert die 
größere geistige Anstrengung, wie sie die größere Resonanz gewähr- 
leistet. Nur auf ihrem Boden konnten die mächtigsten Synthesen 
der Phantasie, wie die Majestas Domini und das jüngste Gericht, ent- 
stehen.  
Alles zusammengenommen, kann es nicht zweifelhaft sein, daß die 
Wandmalerei historisch die größere Bedeutung gehabt hat.- Sie war, 
wie F. X. Kraus es formuliert hat, das tragende Element für die 
absterbende retrospektive Kunst des II. Jahrhunderts. Es soll damit 
nicht geleugnet werden, daß gelegentlich auch ein Wandmaler nach dem 
Bücherschatz der Kirche gegriffen hat. Einfach kopieren konnte er auch 
"dann nicht, er mußte transponieren; gute Einfügung in die gegebene 
Fläche war ja erstes Erfordernis. Die Miniaturisten zwar waren seß- 
hafte Leute, aber ihre Produkte wurden weithin verschickt. Die Wand- 
maler können wir uns aber nur als von Ort zu Ort wandernd denken; 
die Gelegenheit. diese Kunst zu üben, kam am einzelnen Orte zu
        

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