Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Kunst
Person:
Dehio, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3218301
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3220036
hlittelromanische Baukunst. 
der 
Von 
 
aufgebaut hatten. Das galt von der Lombardei, es gilt bis zu einem ge- 
wissen Grade _auch von Oberdeutschland. Wie die Freunde rassenpsycho- 
logischer Ableitungen diese Tatsachen deuten werden, bleibe dahin- 
gestellt; am wenigstens jedenfalls können sie Beweise für den spezifisch 
germanischen Charakter des Tierornaments sein. Nicht von vornherein 
abzuweisen aber wäre ein Zusammenhang mit der aus endlosen Mischun- 
gen hervorgegangenen alten Völkerwanderungskunst. Daß die Verbin- 
dungsglieder fehlen, kann nicht auffallen. Begreiflicherweise hat die auf 
antike Form und christlichen Inhalt gerichtete Kunst der Kirche das 
Tierornament ausgeschlossen; sehr wohl möglich wäre aber ein Fortleben 
in der volkstümlich gewerblichen Kunst, nur eben, daß aus dieser nichts 
auf uns gekommen ist. Hin und wieder finden wir selbst im kirchlichen 
Gerät eine Andeutung darauf, wie beispielsweise in den Leuchtern des 
hl. Bernward, von denen wir unten im 5. Kapitel sprechen werden. Eine 
der Quellen der Völkerwanderungskunst hatte in Vorderasien gelegen, 
und diese versiegte auch später nicht. Auf sassanidischen und byzantini- 
sehen Gewebemustern, die im Zeitalter der Kreuzzüge zunehmend reich- 
lich ins Abendland kamen, spielt das Tierornament eine beträcht- 
liche Rolle, und manches in der romanischen Bauverzierung, wie z. B. 
die symmetrisch neben einem Baum angeordneten Löwen- oder Drachen- 
paare in Türbogenfeldern, ist direkt von hier entlehnt. Das Verdienst der 
lombardischen Steinmetzen war die Übermittlung einer für die Plastik 
zurechtgemachten Darstellungsform, ein schlechthin Neues brachten sie 
nicht. Tatsache bleibt das gesteigerte Vergnügen des I2. Jahrhunderts 
an der ornamentalen Verwendung der Tiergestalt. Sie ist, wir wieder- 
holen es, nicht auf Deutschland beschränkt, vielmehr eine allgemeine 
Zeiterscheinung. Es fehlt auch nicht an einer Parallele in der Literatur- 
geschichte. Am Anfang des II. Jahrhunderts  um dieselbe Zeit, der in 
Quedlinburg die ältesten uns im Steinornament bekannten Tierdar- 
stellungen angehören-entstand in Flandern die älteste Version des Epos 
von Reinhart dem Fuchs. Um 1170, als die Kirche von Rosheim im Elsaß 
ihr steinernes Bestiarium erhielt, faßte der Elsässer Heinrich der Glichezare 
die Geschichte von Reinhart in hochdeutsche Verse. Man weiß aber, daß 
das deutsche Tierepos nicht urdeutsch ist, sondern auf die Äsopischen 
Fabeln und allerletztens auf eine orientalische Wurzel zurückgeht. Ganz 
denselben Stammbaum hat das Tierornament. Wer wollte indessen 
leugnen, daß die deutsche Phantasie den einen wie den andern Stoff sich 
vollständig angeglichen hat?
        

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