Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der griechischen Plastik
Person:
Overbeck, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3081113
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3085671
KÜNSTLER UND KUNSTWERKE IM ÜBRIGEN GRIECHENLAND. 
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im Marmor unentbehrliche und störende Baumstamm neben dem rechten Beine, 
den man mit Unrecht in die Erklärung der Statue hineingezogen hat, fehlen konnte. 
Sowie sich aber die in dem vaticanischen Apollon dargestellte Situation auch 
dann vollkommen aus der Handlung des Gottes bei der Gallierniederlage erklärt, 
wenn man ihn als Bogenschützen denkt, so stimmt auch das dem Original beider 
Statuen durch die Beziehung auf diese Begebenheit angewiesene Entstehungs- 
datum nach der 125. Olympiade auf's beste mit deren künstlerischem Charakter 
überein, der von der schlichten Großheit der Werke früherer Zeit stark abweicht, 
in dem lebhaften Ausdrucke des Pathos in anderen Werken dieser Periode seine 
Analogie findet und in seiner eifectvollen Eleganz und Zierlichkeit die Durch- 
bildung der Kunst durch Lysippos zur Voraussetzung hat. 
Ich kann deshalb auch nicht glauben, daß Winter30) mit seiner Zurückführung 
des Apollon vom Belvedere auf Leochares Recht hat, obgleich ihm nicht nur 
Furtwängler (a. a. O. S. 664 f.) vollkommen beistimmt, sondern, wie ich privatim 
erfahre, auch noch Andere ihm beizustimmen geneigt sind. Ich glaube vielmehr 
meine Gegenbemerkungeni") aufrecht erhalten zu sollen. Einen hauptsächlichen 
Anstoß bietet die Haartracht, die große Schleife auf dem Vorderkopfe. Es ist 
freilich wahr, daß eine ähnliche, nicht gleiche Haartracht an Weiblichen Köpfen 
aus dem 4. Jahrhundert vorkommt; zwei Beispiele von solchen sind in den Mit- 
theilungen des archaeol. Inst. in Athen von 1885. 10. Taf. 8 u. 9 abgebildet, zwei 
weitere bietet das von Petersen in den Mitth. des archaeologischen Inst. in Rom 
von 1893. 8 Tafel 2, 3 veröffentlichte Chigische Musenreliefw). Allein für männ- 
liche Köpfe des 4. Jahrhunderts ist diese Haartracht einstweilen noch nicht nach- 
gewiesen und ich glaube, daß Köpp (Athen. Mitth. a. a. O. S. 265) mit Recht sagt: 
„es ist die Haartracht späterer Apollonköpfe." Wenn man aber den idealen 
Formencharakter des Apollon vom Belvedere als den des 4. Jahrhunderts geltend 
gemacht und ihn dem realistischen Formencharakter der hellenistischen Periode 
z. B. auch an dem, dem Apollon vom Belvedere nächstverwandten Apollon des 
pergamenischen Gigantomachiereliefs gegenübergestellt hat, so darf man, meine 
ich, den Einiiuß der verglättenden und eleganten römischen Oopie, die im Apollon 
vom Belvedere allgemein anerkannt wird, nicht außer Anschlag lassen und nicht 
vergessen, daß Werke wie der Nil (oben Fig. 205) und die Aphrodite von Melos 
(s. u.) doch gewiß zeigen, daß die hellenistische Periode idealistischer Concep- 
tionen fähig gewesen ist. Wie viel realistischer in den Formen aber das von 
dem römischen Copisten in Marmor übertragene Bronzeoriginal des Apollon vom 
Belvedere gewesen sein mag können wir nicht ermessen. 
Eine andere Frage ist, ob dies Original damals völlig frei erfunden worden 
ist. Hieran läßt sich aus mehr als einem Grunde zweifeln. Einmal nämlich 
zeigt die hier in Rede stehende Periode, soweit wir ihre Werke zu controliren 
vermögen, wie schon bei Besprechung der Göttertypen in der pergamener Gigante- 
machie hervorgehoben worden ist, auf dem Gebiete des göttlich Idealen geringe 
Erfindsamkeit, vielmehr die Neigung zur Anlehnung an frühere Schöpfungen 
und zu deren Fort- und Umbildung im eigenen Geschmack; insbesondere aber 
kommt noch Folgendes in Betracht. Die Sage von Apollons persönlichem Ein- 
treten gegen die Gallier zur Vertheidigung seines Heiligthums ist nichts, als eine 
modiücirte Wiederholung der, die von dem tempelräuberischen Zuge der Perser 
gegen Delphi und von deren Niederlage erzählt wurde (Herod. VIII, 35-37)33). 
Overbeck, Plastik. II. 4. Aufl. 25
        

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