Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der griechischen Plastik
Person:
Overbeck, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3081113
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3085133
DIE RHODISCHE KUNST. 
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wie eben beim Laokoon, ja daß wir, mögen wir im Übrigen so viel oder so wenig 
Kenner sein wie wir wollen, bei keinem einzigen Werke die Künstler so wenig 
vergessen können, von keinem Werke so unwillkürlich immer wieder an die 
Künstler und an ihre Arbeit, an die Schwierigkeit ihrer Aufgabe und an die 
Meisterschaft in der Lösung dieser Aufgabe erinnert werden, wie vom Laokoon. 
Daß dieses aber kein Lob und kein Vorzug der Gruppe sei, daß vielmehr das 
höchste Lob eines wahren Kunstwerkes darin bestehe, „daß es uns die Person des 
Künstlers völlig vergessen lasse und sich uns als eine freie Schöpfung darstelle, 
als eine Idee, welche sich aus sich selbst heraus nach einer innern Nothwendig- 
keit mit einem Körper bekleidet hat, also gleichsam als etwas Gewordenes, nicht 
Gemachtes" (Brunn), dies wird wohl Niemandem erst bewiesen werden müssen. 
Wenden wir uns jetzt, weiter in das Einzelne der Betrachtung eingehend, der 
Formgebung an sich zu. Obgleich, wie oben mit Nachdruck hervorgehoben wurde, 
die ganze Gruppe des Laokoon unmöglich nach Modellen studirt sein kann, so 
muß doch mit nicht minderem Nachdruck betont werden, daß es nichts Studirteres 
geben kann als die Formgebung der Gruppe in allen einzelnen Theilen, die, Wie 
schon oben hervorgehoben worden ist, mit der der großen Reliefe von 
Pergarnon eine so überaus nahe Verwandtschaft zeigt, daß es hiernach, 
wenn man nicht etwas vollkommenUnwahrscheinliches aufstellen und aus nichtigen 
Gründen vertheidigen will, unmöglich ist den Laokoon und die pergamenischen 
Sculpturen zweien, durch zwei bis drei Jahrhunderte getrennten Perioden der 
Kunstgeschichte zuzuweisen. 
Mit dem höchsten Grade durchsichtiger Klarheit und Deutlichkeit ist die 
Thätigkeit und die Eigenthümlichkeit der Thätigkeit der Musculatur in allen 
Theilen am Laokoon erkennbar und legt von den umfassendsten Beobachtungen 
und von der gründlichsten Kenntniß des menschlichen Körpers Zeugniß ab. Eine 
gründliche Kenntniß des menschlichen Körpers ist freilich bei jedem plastischen 
Künstler das nothwendige Erforderniß naturwahrer Darstellung des Körpers als 
eines lebendigen Organismus, und die bewnßte Bildung jedes einzelnen Theils 
der thätigen Musculatur nach Maßgabe der Kenntniß von seiner Natur und Tha- 
tigkeit ist die unerlaßliche Bedingung dessen, daß uns das plastische Werk nicht 
als Stein, sondern als das Abbild eines lebendigen Organismus erscheine. Dem 
Grade derAusführung nach aber liegen die mannigfaltigsten Abstufungen zwischen 
einer stilistisch großen und breiten Behandlung, die die Einzelheiten den be- 
stimmenden Hauptformen unterznordnen weiß, wie z. B. durchaus in den poly- 
kletischen Figuren, und der realistischen, die Einzelheiten als solche zur Geltung 
bringenden Weise. Und während wir jene Behandlung in den weniger studirten, 
einfach gehaltenen aber lebenswarmen Werken der frühern Blüthezeit der Kunst 
erkannt haben, tritt uns an dem Laokoon und aus seinen zum Theil scharfen 
und harten Einzelheiten ein so entschiedener Realismus entgegen, daß man bei 
dem pathologischen Zustand, in dem er dargestellt ist, fast unwillkürlich daran 
erinnert wird, daß um die Zeit, in der der Laokoon entstand, die anatomischen 
Studien am menschlichen Körper begannen oder erhöhten Aufschwung nahmen"), 
und die Annahme keineswegs mehr fern liegt, daß unsere Künstler so gut wie 
die pergamenischen die von ihnen zu bildenden Formen nicht nur am Leben, 
sondern wissenschaftlich am Secirtische studirt haben. Andererseits dürfte auf 
die bis zu anatomischer Deutlichkeit durchgeführte Formgebnng am Laokoon der 
Overbeck, Plastik. 11. 4. Aufl. 22
        

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