Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der griechischen Plastik
Person:
Overbeck, Johannes
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3081113
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3084938
DIE RHODISCHE KUNST. 
309 
Wenden wir uns nun der Frage über die bildliche Darstellbarkeit des Lao- 
koonmythus zu, so geht aus dem letzten Satze sofort hervor, daß die Darstellung 
durch die bildende Kunst sich dem ethischen Kern und dem tragischen Gehalt. des 
Mythus gegenüber in sehr ungünstigem Verhältniß befinde. Wenngleich sie näm- 
lich durch sorgfältige Unterdrückung alles dessen, was an das troische Roll er- 
innern konnte, die falsche Motivirung der Begebenheit vermeiden kann, welche in 
Vergils poetischer Darstellung die einzige scheint, so ist sie doch nicht im Stande, 
dafür die wahre Motivirung anschaulich zu machen. Denn grade auf das, wo- 
durch allein die Poesie den ethischen Kern und den tragischen Gehalt zur Geltung 
zu bringen vermag, grade auf die Darlegung des innern Zusammenhanges von Lao- 
koons Untergange mit einer alten schweren Sündenschuld muß die bildende Kunst 
verzichten. Dies gilt in voller Allgemeinheit von jeder Art bildlicher Darstellung, 
sofern sie einheitlich sein soll. Aber ein Gemälde und allenfalls auch noch ein 
Relief würde, etwa durch die Hinzufügung einer Erscheinung der zürnenden Gott- 
heit, wenigstens im Stande sein, Laokoons Tod als göttliches Strafgericht zu charak- 
terisiren; eine statuarische Gruppendarstellung muß auch dieses opfern, wenn sie 
nicht ihre Einheit opfern will, und eine statuarische, auf Laokoon und 
seine Söhne beschränkte Gruppe kann von dem Laokoonniythus 
vermöge der Eigenthümlichkeit der Begebenheit in ihrem ganzen 
Verlaufe nichts Anderes darstellen, als die Katastrophe in ihrer 
nackten Thatsächlichkeit. 
Die Richtigkeit dieser Behauptung gegenüber der einzigen vorhandenen sta- 
tuarisehen Darstellung des Laokoonmythus wird sich am besten aus einer unbe- 
fangenen Betrachtung der berühmten Gruppe selbst ergeben, und der Erweis ihrer 
allgemeinen Giltigkeit sich dieser Betrachtung ohne Zwang anschließen lassen. 
Ehe also aus dieser Behauptung zur aesthetischen Würdigung der Laokoongrxippe 
die Folgerungen gezogen werden, gilt es von ihr, wie sie sich dem-prüfenden 
Auge thatsächlich im Ganzen und im Einzelnen darstellt, eine thunlichst genaue 
Schilderung zu entwerfen, zu deren Veranschaulichung die Zeichnung der Gruppe 
in ihrem gegenwärtigen Zustande (Fig. 202) dienen mag und der der Verfasser 
die Bemerkung voranschicken will, daß sie auf der unzählige Male wiederholten 
Prüfung des Werkes selbst und gewissenhafter Erwägung abweichender Auf- 
fassungen, älterer sowohl wie auch neuerer, zum Theil gegen ihn gerichteter, 
beruht, gegen die ausdrücklich zu polemisiren er hiermit ablehnt. 
Priesterlich bekränzt mit apollinischem Lorbeer stand Laokoon an dem auf 
zwei Stufen erhöhten Altar, wahrscheinlich bereit, ein Opfer, wenn auch nicht 
das bei Vergil genannte an Poseidon, zu vollziehn, bei dem ihm seine Söhne als 
Opferdiener, als die sie ihre weiten bei der heftigen Bewegung abfallenden Mäntel 
charakterisiren, Beistand leisten sollten. Da schossen die zwei Schlangen mit 
der Schnelligkeit des Blitzes heran; ehe an Flucht oder Abwehr auch nur gedacht 
werden konnte umwanden sie die Arme und Beine der drei Personen, ihre Be- 
wegungen hemmend, drängten den Vater auf den Altar zurück, über den sein 
Mantel gefallen ist, und der demnächst von dem Blute des Priesters besudelt- 
und entweiht werden wird, und verwundeten ihn und den jüngern Sohn mit rasch 
tödtlich wirkenden Bissen. Dies die Situation im Allgemeinen, der gegenüber 
gleich hier hervorgehoben werden. muß, daß, wie überhaupt und in jedem Betracht 
die Gruppe von der Schilderung Vergils durchaus verschieden ist, ihr auch jeg-
        

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