Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erasmus Grasser
Person:
Halm, Philipp Maria Grasser, Erasmus
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3069451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3070711
feinen Gliederung und Profilierung der Ständer der offenen Loggia und der Felder- 
teilung der Brüstung bekundet. Und wo fände sich in Altbayern ein derartiges Preisgeben 
von Mauerflächen?! Ähnlich luftig und durchsichtig muss auch der obere Abschluss 
des ehemaligen Wappenturms von 1496 in Innsbruck gewirkt haben, und die gleiche 
Gesinnung und Absicht ist auch noch an dem luftigen Eckerker des Rathauses in 
Sterzing 1524 wach, also an Bauten, die Fischnaler gerade für Kölderer in Anspruch 
nehmen will. Sehr bezeichnend als etwas Gemeinsames ist auch die nahezu quadra- 
tische Feldergestaltung der Brüstung am Goldenen Dachl und am Sterzinger Erker 
mit dem flachen Rand um die Relieffüllungen. Altbayern kennt nichts dergleichen. 
Auch die Ziermotive, namentlich die breitgezogenen Eselsrücken mit den Masswerkblen- 
den dahinter am oberen Abschluss der Loggia, sind der Bau- und Grabplastik Alt- 
bayerns völlig fremd, lassen sich dagegen wiederum sehr gut in Einklang bringen mit 
den feingliedrigen, ornamentalen Abschlüssen des Wappensteines Herzog Sigmunds 
von Tirol von 1487  ehemals am Neuhof, also beim Goldenen Dachl, eingelassen, 
heute im Ferdinandeum  und besonders mit dem Grabstein des Cristan Täntzl, gest. 
1491 in Schwaz, der  gleichfalls entgegen der Anschauung Garbers  nicht von der 
Hand Grassers stammt. Auch die lederartige Buckelung der Kricchblumen am Golde- 
nen Dachl vereinbart sich weit besser mit der heimischen Tiroler Steinmetzenart als 
mit bayerischen Arbeiten und vor allem mit solchen Grassers. Es sind also nicht die 
allergeringsten stilistischen Belege vorhanden, die berechtigten, in Erasmus Grasser den 
Baumeister des Goldenen Dachls zu erblicken; vielmehr weisen alle baulichen Merk- 
male darauf hin, dass es von einem Tiroler Meister stammt. Ob dieser nun Jörg Köl- 
derer war, für dessen Urheberschaft Fischnaler mangels Archivalien zwar keinen 
schlüssigen, wohl aber einen beachtenswerten Wahrscheinlichkeitsbeweis erbrachte, 
der auch durch die Konstellation des Goldenen Dachls zum Wappenturm und zu dem 
Sterzinger Erker in stilistischer Hinsicht sich stützen lässt, will hier nicht weiter 
untersucht werden. 
Es bleibt noch zu erörtern, ob--wie Garber glaubte beweisen zu können-für den 
reichen plastischen Schmuck des Goldenen Dachls Erasmus Grasser in Frage kommt. 
Die thematische Gleichheit eines Teiles der Skulpturen mit Grassers Moriska- 
Tänzern war allzu verführerisch; der Wunsch ward zum Vater des Gedankens. Dass 
der Moriskentanz sich in zwei Zyklen grösserer plastischer Gestaltung  in München 
und in Innsbruck  erhalten hat, kann zur Beweisführung ebensowenig genügen wie 
der Umstand, dass sich zwischen beiden eine gewisse Verwandtschaft in der Kostümie- 
rung, in den „heftigen Bewegungen der Tänzer" und in dem „derben Zug der Gesich- 
ter" findet. 
Die reliefmässige Darstellung des Moriskentanzes am Goldenen Dachl ist fast zur 
Freiplastik gesteigert mit Rücksicht auf die Fernwirkung, die starke Kontraste zur 
Voraussetzung hat. Grasser kennt eine derartig freie Behandlung des Hochreliefs nicht. 
Wo er, wie beim Ramersdorfer Altar oder bei dem Pfingstfest in Leutstetten, stark ins 
Relief geht, baut er es schichten- und stufenmässig hinter- und übereinander auf. Er
        

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