Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Buddhistische Plastik in Japan bis in den Beginn des 8. Jahrhunderts n. Chr.
Person:
With, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3057623
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3059642
gelangt, wie etwa die koreanischen Statuetten der Suikozeit; so birgt die Figur Tafel 56 
ähnliche Reize vegetabiler Leichtigkeit und malerischer Vereinheitlichung der Körperform 
wie diese. Der grundlegende Unterschied aber liegt in dem Ausgangspunkt der formalen 
Gestaltung: bei den älteren Werken (Tafel 38) bildet der säulenförmige Kern die Grunde 
form, dieser wird gemäß der Körpervorstellung gegliedert; hier aber steht am Anfang 
der organisch-vielfältige Körper, der in plastische Bildmäßigkeit übersetzt und dann 
malerisch vereinheitlicht wird, so daß der in Naturhaftigkeit zersprengte Körper wieder 
verbildlicht wird. So gelangt diese Richtung zu Formresultaten, die früher bereits unter 
anderen Voraussetzungen aktuell waren und scheinbar verlorengingen, nur daß der 
Formkreis, auf den die neue Auswertung der malerischen Formen nunmehr zurücka 
greift, ein ungleich größerer, oder vorsichtiger ausgedrückt, ein anderer geworden ist. 
Vielleicht läßt sich daran die Vermutung knüpfen, daß es sich hier um eine Reaktion 
des koreanischen Stilempfindens gegenüber der chinesischen Forminvasion handelt; die 
älteren koreanischen Gruppen zeigten jedenfalls eine ähnliche empfindungsgemäße Eine 
stellung der Bildform gegenüber wie Figur Tafel 187. Im folgenden Kapitel werden wir 
aber sehen, daß diese Formauffassung nicht ohne Einfluß des Stiles der chinesischen 
Tonstatuetten geblieben ist. 
Bei beiden Gruppen dieser zweiten Stilphase der Hakuhozeit wird der Formausa 
druck durch die gegenseitige Begrenzung idealisierender Verbildlichung und naturgemäßer 
Anschaulichkeit bestimmt. Dies Doppelspiel von Lebendigkeit beobachteter Erscheinungen 
und Sachlichkeit bildmäßig erdachter Zustände verleiht diesen Werken ihren eigenartigen 
und besonderen Reiz. Wir erkennen jetzt in den Auswirkungen immer deutlicher, 
welche gewaltige Konsequenzen jener Gesinnungswechsel, den wir von der Mitte des 
Jahrhunderts ab feststellen konnten, verursacht hat. Für den Ausdrucksgehalt der Bilde 
werke ist nicht mehr die innere Monumentalität einer umfassenden, vergeistigten Welt, 
empfindung maßgebend, sondern die Intensität einer wirklichkeitsfrohen Lebensgesinnung, 
die sich lediglich an den geistigen Normen der buddhistischen Gesetzgebung orientiert. So 
erhält der Bildausdruck eine ganz andere Inhaltsgebung: Nicht mehr die weltfremde, schwere 
Unzugänglichkeit, die Ruhe der Vollendung, das geheimnisvolle Lächeln, das Verhüllen 
der inneren Erregtheit, die ungeheuere Anteilnahme an seelischen Vorgängen, die Er, 
griifenheit heiliger Würde und die Feierlichkeit des Vollkommenen machen die Grunde 
stimmung aus, sondern eine leichte Sorglosigkeit, frohe Unbekümmertheit, sinnende 
Ruhe und ernstes Lächeln, Charme, Grazie und liebliche Offenheit. Die alten Werke 
ließen sich nicht so leicht erschließen; eine lange Arbeit des Sehens und Nachdenkens 
und eine große innere Bereitschaft und ruhige Geduld war nötig; hier aber wird das 
ästhetische Gefühl viel leichter entzündet, die Sinne werden unmittelbarer angeregt, der 
ganze Körper fühlt mit, wird sofort ergriffen. Man sucht unwillkürlich mit den Händen 
die Bildform nachzutasten und die Augen ergründen in der Anschaulichkeit der Obere 
fläche das innere Wesen der Gestalt, wo früher das Herz einen langen Weg zu gehen 
hatte. Durch die Tradition mit der älteren Zeit und durch die Diszipliniertheit der inneren 
Empfindung artet die leichtere Gesinnung aber nie in unkeusche Willkür oder unruhige 
Belanglosigkeit aus, die freiere Formgebung nie in Sinnlichkeit oder imitative Ver, 
äußerung. Der Geist des Buddhzv und Bodhisattvatums bleibt unangetastet; er gibt 
aller Gesinnung eine geheiligte Gesetzmäßigkeit, aller Naturform den großen Maß, 
stab seiner Vollkommenheit und ewigen Ruhe und aller Formgebung die Eigentüm- 
lichkeit innerer Schönheit und äußerer Zurückhaltung. Immer ist es die bildmäßige und 
nicht die naturalistische Anschaulichkeit, die diesen Werken die größere und unmittela 
barere Ausdrucksoffenheit gibt. Diese kurzen Andeutungen mögen genügen, um zu dem 
Geist der folgenden Werke, mit denen unsere Arbeit abschließt, hinüberzuleiten.
        

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