Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gestalt des Menschen
Person:
Fritsch, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2989909
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2991119
niachte Affecte und wo mimische Bewegungen der 
Gesichtsmuskeln starker in die Erscheinung treten, 
wird den Figuren wohl der Vorwurf der Jiriinasse" 
nicht erspart bleiben, indessen hat der Mimiker im 
wesentlichen gearbeitet, wie der Künstler auch. Ist 
dieser bestrebt in seiner Darstellung vom Beschauer 
ohne weitere Erklärung verstanden zu werden, so gilt 
dies vom Mimiker mindestens ebenso sehr. Er hat 
sein Studium also auf die Abbildung des Gesichts, 
hier also des eigenen, im Spiegel zu richten gehabt, 
und aus diesem gelernt, wie er den Affect zu malen 
hatte. 
Dieser Vorgang ist seiner Entstehung nach wesent- 
lich eine Sache der Erfahrung, man wird kein Rezept für 
Darstellung des einen oder anderen Affectes angeben 
können, sondern das Naturstudium, die scharfe Be- 
obachtung der Umgebung dürfte allein das richtige 
Versändniss dem Künstler bringen. 
Immerhin wird die Vergleichung der hier durch 
Photogramme wiedergegebenen Affecte, da es sich um 
reiche, von einer kundigen Person gesammelte Er- 
fahrungen handelt, wohl das Verständniss erleichtern. 
Die mimischen Darstellungen Rylanders bei Dar- 
win sollen Beispiele der Gebäirdensprache überhaupt 
sein, es wurden daher keineswegs die Gesichtszüge 
allein in Betracht gezogen, sondern die Haltung und 
Stellung des ganzen Körpers sowie der Gliedmassen, 
besonders der Hände, ja sogar die Bekleidung wurde 
zur Steigerung des Aifectes verwerthet. Durch solche 
Complicationen wird die Analyse des Vorgangs u11- 
zweifelhaft erschwert. 
Im Hinblick auf den Zweck glaubte ich hier auf 
solche Zuthaten gänzlich verzichten zu müssen und 
stellte nur Kopf und Hals in nnbekleidetem Zustande 
dar. Dabei kommen wir mit Darwins drei grossen 
Gruppen nicht viel weiter, da nur die erste derselben, 
die verbundenen, nützlichen Gebärden in einer An- 
zahl von Fällen noch deutlich erkenntlich wird, wah- 
rend die zweite „die durch den Gegensatz (A11ti- 
thesis Darwins) wirksamen Gebärden "t naturgemäss 
fast gänzlich wegfällt, die dritte aber, die auf dem 
Bau des Nervensystems selbst beruhende (Mitbeweg- 
ungen und Reflexe) überall mit unterläuft und, wie 
erwähnt, nur erfahrungsmässig mit einiger Sicherheit 
festgestellt werden kann. 
Zu den ererbten, durch das Nützlichkeitsprincip 
vermuthlich entstandenen Triebbewegungen wären von 
den hier dargestellten Affectionen an erster Stelle der 
Ausdruck des Z ornes mit dem unwillkürlichen Zahne- 
fletschen, den finster zusammengezogenen Augenbrauen 
und dem scharf fixierenden Blick, der Verachtung 
bei wenig geöffneten Augen, die den Beschauer von 
oben herab betrachten, gekniffenen Lippen und ab- 
warts gezogenen Mundwinkeln, des Ekels, wobei das 
Zurückweichen vor einem verabscheuungswerthen Ge- 
genstande und Reflexe, welche die Brechbewegung ein- 
zuleiten pflegen, in den Gesichtsmuskeln kenntlich 
werden, des SWIZGS, Wo der gewaltsam erhobene 
Kopf mit dem in's Weite gerichteten Blick und den 
energischen Contractionen auch den Gesichtsmuskeln 
das anspruchsvolle Ausgreifen der Gedanken und die 
Geringschätzung der Umgebung anzudeuten scheint. 
Bei dem Andachtsgefühl richten sich die 
Augen unwillkürlich nach oben, als wäre dort der 
Gegenstand inniger Verehrung direkt sichtbar, auch 
solche Bewegung können wir daher wohl als Trieb- 
bewegung; auffassen, während sich gleichzeitig retlec- 
torisch in dem ruhigen, tiefernsten Gesichtsausdruck 
das Gefühl der Unterordnung unter eine höhere Macht 
auspragt. Aehnlich verhalt es sich auch bei der Auf- 
merksamkeit, nur richtet sich der Blick naturgemäss 
direkt auf den zu beobachtenden Gegenstand mit fester 
Fixierung und die ruhigen, leicht tonisch erregten 
Gesichtsmuskeln lassen die Sammlung der Gedanken 
auf einen bestimmten Punkt, offenbar wieder reüec- 
torisch, erkennen. 
Diese Ruhe fehlt durchaus beim Ausdruck der 
Lüsternheit, wo die sinnliche Erregung durch stärkere 
Muskelcontraktionen den Zügen einen fast krankhaften 
Ausdruck verleiht, und der Blick der weit aufgerissenen, 
auf den begehrten Gegenstand gerichteten Augen, ein 
widerlich stierer wird. Der in Affect leicht geöffnete 
Mund scheint sich zur Aufnahme der Labung oder 
zum Küssen in sinnlicher Begehrlichkeit bereit zu 
machen. 
Sind hierbei immer noch Andeutungen von Trieb- 
handlnngen zu bemerken, so könnte man Darwin zu 
Liebe, den Ausdruck der Bescheidenheit, wie er 
hier zur Darstellung gelangt, auch als Beispiel einer 
sogenannten gegensätzlichen (antithetischen) Gebärde 
auffassen. Die abwärts gesenkten Augen unter der 
glatten Stirn, die uncontrahierten Lippen mit den 
leicht, wie in Verlegenheit eingezogenen Mundwinkeln 
scheinen das Bestreben auszudrücken, nur ja nicht 
unangenehm aufzufallen, wie es die Gebärden des 
Stolzes, der Verachtung, des 'l'rotzes und Eigensinnes 
thun, also durch den Gegensatz zu wirken. 
Der Ausdruck der Dummheit kann gewiss auf 
sehr mannigfaltige Weise hervorgerufen werden; im 
vorliegenden Falle, wo es sich um diesen Ausdruck 
in einem von Natur intelligenten Gesicht handelt, wird 
er durch die Unsicherheit des Blickes und die charak- 
terlose Haltung der schlaffen Züge bewirkt, welche 
das Fehlen jedes beherrschenden Gedankens und ein 
gewisses ängstliches Gefühl möglicher schlechter Er- 
fahrungen von Seiten einer geistig überlegenen Um- 
gebung markiert. 
In gewissem Sinne gilt dies auch von der Tru11- 
kenheit; aber hier kommt die mangelhafte, durch 
die Alkoholwirkung veranlasste Einstellung der Augen 
hinzu, welche nicht gerade, wie Harless will, bis zum 
deutlichen Schielen zu führen braucht, das durch 
wässrige Ausscheidungen der Drüsen nschwimmenilef 
Aussehen des Weissen in denselben und die wie zum 
Ansetzen des Bechers leicht aufgeworfenen Lippen 
hinzu. Wie mir scheint, ist hier dem Mimiker der 
gewollte Ausdruck trotz der Einfachheit der Mittel 
recht gut geglückt. 
Misstrauen, Eigensinn, Feindseligkeit, 
Trotz sind gemischte Gefühle, welche naturgemäss 
kaum einen einheitlichen, allgemein verständlichen 
Ausdruck finden können; hier wird das zu Grunde 
liegende Gesicht, die gewohnheitsgemässe Haltung der 
Züge und die subjective Auffassung des Beschauers 
stets viel zur Deutung beitragen, die Entscheidung 
also in besonders hohem Maasse zur Erfahrungssache 
werden. Die hier gegebenen Figuren werden gleich- 
wohl einigen Anhalt für eine effectvolle Darstellung 
des einen oder anderen Ausdrucks bilden können. 
Die übrigen noch auf den drei Tafeln eingefügten 
Studien des Gesichtsausdruckes sind in ganz vor- 
wiegendem Grade auf Reflexbeivegungen, also rein
        

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