Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage
Person:
Eberstadt, Rudolph
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2930467
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2935601
458 
Teil. 
Sechster 
ä 102. Hinsichtlich der Tarifgestaltung der städtischen 
öffentlichen Verkehrsmittel stehen sich zwei Anschauungen gegenüber. 
Die erste betrachtet das Tarifwesen im wesentlichen vom privat- 
gewerblichen Standpunkt und vertritt die Auffassung, daß die Fahrgelder 
allgemein so anzusetzen sind, daß die Betriebskosten gedeckt werden 
und für die Unternehmung ein angemessener Ertrag übrig bleibt. Die 
Forderung beruht grundsätzlich nicht auf gewinnsüchtigen Bestrebungen, 
sondern die Meinung geht dahin, daß für den notwendig fortschreitenden 
Ausbau der städtischen Verkehrsmittel Kapital nur dann zu haben sein 
wird, wenn eine zureichende Rente erzielt werden kann. Auch wird 
von dieser Seite bestritten, daß niedrige Tarifsätze in vollem Maße der 
Bevölkerung zugute kommen oder daß sie auch nur (in Deutschland) 
die Stockwerkshäufung in den Außenbezirken eingedämmt haben; den 
Vorteil habe vielmehr der Vorortsgrundbesitz. Endlich sei -für das 
Interesse der Wohnbevölkerung nicht allein der niedrige 'l'arif als viel- 
mehr die Darbietung rasch fordernder, Zeit sparender Verbindungen 
entscheidend, die die Ansiedelung in den Außenbezirken ermöglichen 
(Kemmann, Stadtschnellbalmen, S.  
Die entgegengesetzte Anschauung betont die sozialen Aufgaben 
der städtischen Verkehrseinrichtungen. Die Benutzung der Verkehrs- 
mittel ist für die großstädtische Bevölkerung eine bedingungslose Not- 
wendigkeit; die Auslagen für den Verkehr bilden einen Bestandteil des 
Aufwandes für die Wohnung. Niedrige Tarife begünstigen das Wohnen 
in den Außenbezirken und die Siedelungszerteilung; hohe Tarife be- 
deuten die Gebundenheit an die Beschäftigungsstelle. Für eine im 
sozialen Interesse erwünschte Siedelungsweise und Verteilung der Be- 
völkerung ist die Niedrighaltung der Fahrpreise erforderlich. 
Wir werden diesen beiden Auffassungen zwei Grundsätze ent- 
nehmen können, die vom Standpunkt des Gemeininteresses schwerlich 
anzugreifen sind: 1. rasch fördernde und deshalb durch den allgemeinen 
Straßenverkehr nicht behinderte Verkehrsmittel sind für das städtische 
Wohn- und Siedelungswesen eine Notwendigkeit; 2. die Zusammen- 
drängung der städtischen Bevölkerung wird durch hohe Tarife gesteigert, 
die Erreichbarkeit günstiger Siedclungsbeilingungen wird erst durch 
niedrige Tarife ermöglicht. Umstritten dagegen ist die Frage der 
Fahrpreisberechnung, die unter den gegenwärtigen Zeitumständen 
leider gleichbedeutend ist mit der Frage der Fahrpreiserhöhung. 
Die Forderung, daß ein städtischesVerkehrsmittel stets und von 
Anfang an die Anlage- und Betriebskosten decken müsse, ist in ihrer 
Allgemeinheit praktisch undurchführbar; sie wäre gleichbedeutend mit dem 
Verzicht auf jeden Fortschritt und jede vorausschauende Betätigung im 
städtischen Verkehrswesen. Nur dann kann einem Verkehrsunternelnnen
        

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